Was nun, Herr Lammert?

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert,

die Süddeutsche Zeitung berichtete am 16. Juni 2011 von Ihrer Kritik an den Regierungsparteien CDU und FDP, weil sie dem Auftrag des Bundesverfassungsgerichtes, innerhalb von drei Jahren ein demokratisches Wahlrecht zu formulieren, bis zum heutigen Tag nicht nachgekommen sind. Zu Recht warnen Sie, dass dem Ansehen des Bundestages Schaden entstehe, wenn der Eindruck erweckt werde, das Parlament halte sich nicht an die Vorgaben des Verfassungsgerichts.

Nun muss ich Sie aber daran erinnern, dass das Bundesverfassungsgericht bereits vor zehn Jahren ein Urteil gefällt hat, dem alle seitherigen Regierungen ausgewichen sind, und das seit zehn Jahren darauf wartet, umgesetzt zu werden. Es handelt sich um das Pflegeurteil von 2001 das fordert, Eltern von Kindern dürfen nicht gegenüber Kinderlosen benachteiligt werden. Längstens bis 31. 12. 2004 sollte die Regierung ein neues Gesetz auf den Weg bringen.
http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs20010403_1bvr162994.html
Diese Umsetzung würde Eltern von Kindern spürbar entlasten, weil ihre Erziehungsleistung endlich als geldwerter Beitrag zu den Sozialversicherungen gewertet würde.

Ich frage Sie, mit welchen Argumenten die Umsetzung dieses Urteils auf die lange Bank geschoben werden darf, das Wahlrechtsurteil dagegen fristgerechte Umsetzung verlangt? Verliert unser Parlament nicht auch an Glaubwürdigkeit, wenn es das Urteil von 2001 einfach ignoriert? Warum kümmert sich keine Partei um Gerechtigkeit gegenüber Familien mit Kindern? Wie lange noch sollen Eltern von Kindern die Alterslast derer tragen, die sich Nachwuchs erspart haben?

Sehr geehrter Herr Lammert, Sie verdienen meine absolute Hochachtung unter allen Parlamentariern, weil Sie als Wächter der Demokratie das Versagen unseres Parlaments erkennen und benennen. Darum setze ich meine Hoffnung auf Sie mit der Bitte, sich um das Anliegen von vielen tausend Familien zu kümmern. Denn schließlich leben die künftigen Generationen von den Kindern, die heute liebevoll von ihren Eltern umsorgt werden.

Damit grüße ich Sie für die ELTERNINITIATIVE FAMILIENGERECHTIGKEIT RAVENSBURG in der Hoffnung auf Ihre geschätzte Antwort

Bärbel Fischer

Entmutterung statt Bemutterung

Erfahrung und Statistik lehren: Wer in seiner Kindheit – aus welchen Gründen auch immer – zu wenig bemuttert wurde sucht ein Leben lang nach der Mutter, wird sich ein Leben lang als zu kurz gekommenes Kind fühlen. Als Erwachsener wird dieser Mensch an seinen Partner / seine Partnerin den Anspruch stellen, von ihm / ihr endlich umsorgt, verwöhnt und bemuttert zu werden. Der Partner / die Partnerin wird daher nicht um seiner / ihrer selbst willen geliebt, sondern in die Rolle der ersehnten Mutter gedrängt und ist damit restlos überfordert. Niemals können oder sollen Partner eine Mutter ersetzen. Ganz katastrophal wird es, wenn beide Partner bemuttert werden wollen. Dem Paar erwachsen daraus enorme Schwierigkeiten, die häufig einer Therapie bedürfen, um nicht in Trennung und Scheidung zu enden. Nicht selten trifft es wiederum die Kinder, die die Leidtragenden einer gescheiterten Ehe sind. Auch sie tragen später diese Last tragischerweise wieder in ihre eigenen Beziehungen.

Was kann also vonseiten der Gesellschaft getan werden, um Trennungselend von vornherein zu verringern oder zu vermeiden? Die Antwort ist einfach: Lasst den Kindern ihre Mütter! Gebt den Müttern genug Zeit für ihre Kinder, gebt ihnen Gelegenheit zu Nähe, Zärtlichkeit, Zuwendung und Begleitung! Mütter sollen ohne Angst um ihre eigene Zukunft ihre Kinder satt „abfüllen“ können mit zuverlässiger Präsenz und hautnaher Liebe. Bemutterung ist also nicht nur die notwendige Voraussetzung dafür, dass „Hänschen klein“ nach und nach lustvoll und mutig selber die Welt erkunden kann, sondern sie ist auch der beste Schutz vor Mangelerscheinungen im Erwachsenenalter. Eine gelungene Bemutterung ihrer Kinder muss also das Hauptanliegen der Gesellschaft sein. Nichts anderes sieht Artikel 6 unseres Grundgesetzes vor, wenn es Ehe und Familie unter seinen besonderen Schutz stellt.

Was aber tut unsere Politik heute? Sie agiert genau kontraproduktiv! Sie trennt Mütter wenige Monate nach der Geburt von ihren Kindern und will sie möglichst in Vollzeit im Erwerb sehen. Sie entfernt Kinder von ihren Müttern und schafft dazu, mit Steuergeldern, massenhaft Krippenplätze. Sie mutet Kindern eine 1: 8-Betreuung durch Fremdpersonal zu, das niemals Mama oder Papa ersetzen kann. Sie mutet Kleinkindern stundenlange Abwesenheit von den geliebten Eltern zu, was im Herzen des Kindes häufig als Ablehnung verbucht wird. Entmutterung!

Und wozu das alles? Um den Mangel an Arbeitskräften zu beheben, um unsere Wirtschaft brummen zu lassen, um Gewinne zu maximieren, die allerdings überall, nur nicht bei den Familien selbst ankommen.

So sägen nun Wirtschaft und Politik, vereint in blinder Gier, munter den Ast ab, auf dem ihre Zukunft sitzt. Blind und taub sind sie gegenüber allen Mahnungen und Warnungen seitens der Familienverbände, der Ärzte und Psychotherapeuten, Hirn- und Bindungsforscher, der Sozialexperten und Elterninitiativen. Die Rechnung werden wir in wenigen Jahren präsentiert bekommen!

Bärbel Fischer

Grünzeug

Der Redakteur Christoph Slangen interviewte für die Schwäbische Zeitung ( 27. 06. 11 ) Herrn Ministerpräsident Kretschmann. Befragt nach dem Vorhaben der FDP, Steuern zu senken, sieht Kretschmann eher die Notwendigkeit, Steuern zu erhöhen, um z. B. eine „bessere frühkindliche Bildung“ bezahlen zu können….. sonst untergraben wir die Quellen unseres Wohlstandes“.

Richtig! Wir brauchen eine bessere frühkindliche Bildung, denn mit zu wenig und zu schlecht qualifiziertem Personal ausgestatteten Krippen grenzt deutsche Betreuung im europäischen Vergleich bereits an Kindesmisshandlung. Die andere Frage lautet: Lernen Kleinkinder besser in Gruppen von acht Kindern und einer Erzieherin in der Krippe oder besser in der 1:1- Mutter-Kind-Relation, die dem kindlichen Interesse und nicht irgendeinem Lehrplan folgt? Daran schließt sich die Frage: Ist es besser, Krippen für lediglich ein Drittel aller Kinder mit Steuergeldern (!) massiv zu subventionieren, oder wäre es besser, alle Familien gleichermaßen so zu unterstützen, dass Mütter frei wählen könnten ob sie Fremdbetreuung einkaufen oder ihre Kinder in eigener Verantwortung erziehen wollen ( z. B. mit einem Erziehungsgehalt nach ÖDP-Konzept )?

Die Grünen mögen ja viel von erneuerbaren Energien verstehen, von Bildung und vor allem von Bindung verstehen sie null und nichts! Sie schützen Pflanzen und Käfer, aber mit den Ergebnissen der Hirnforschung dürfen sie sich – aus ideologischen Gründen – nicht befassen. Wenn die Hirnforschung heute eindeutig beweist, dass alles Lernen zuvor eine mehrjährige, sichere Bindung an die Eltern erfordert, aus welcher erst Selbstsicherheit, Kreativität und Interesse an der Umwelt erwachsen, so müssen heute die Grünen noch immer einer altfeministischen Alice- Schwarzer-Diktatur folgen: missverstandene Selbstverwirklichung, Geschlechterneutralität und Rollenverweigerung.

Wollen wir die „Quellen unseres Wohlstandes“, also unsere Kinder, fördern, dann doch bitte so, dass sie davon auch wirklich profitieren!
Bärbel Fischer

Karlsruhe spricht, doch niemand kümmert sich darum!

Zu : „Die Schande des Parlaments“, Süddeutsche Zeitung, Heribert Prantl, 17. Juni 2011

Herr Prantl beklagt zu Recht das Versagen des Bundestags bei der rechtzeitigen Umsetzung eines neuen, demokratischeren Wahlgesetzes. Ich darf aber daran erinnern, dass das Wahlrechtsurteil nicht das einzige Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist, das liegenblieb. Denn  seit das oberste Gericht 2001 beim sog. Pflegeurteil verfügt hat, dass Eltern mit Kindern gegenüber kinderlosen Zeitgenossen nicht benachteiligt werden dürfen, ist der Beitrag zur Pflegeversicherung für Erwerbstätige ohne Nachwuchs lediglich um 0,25 %  angehoben worden. Das war´s! Dagegen führen Eltern noch immer dreifache Beiträge ab: 1. den Geldbetrag zu den Sozialversicherungen ohne Berücksichtigung der Kinderzahl, 2. den generativen Beitrag durch die Kosten der Kindererziehung und 3. pro Kind ca. 120 Euro mtl. an Verbrauchssteuern. Damit ist die Benachteiligung von Familien entgegen der ausdrücklichen Forderung der Karlsruher Richter seit 10 Jahren besiegelt und wird es auch bleiben, wenn das Parlament nicht endlich Recht schafft. Das Gesetz, das spätesten am 31. 12. 2004 hätte in Kraft treten sollen,  wartet bis heute auf seine Umsetzung.

Es darf gefragt werden: Weshalb verlangt das Wahlrechtsurteil unverzügliche Umsetzung, das Gleichstellungsurteil aber wartet auf den Sankt-Nimmerleins-Tag? Gibt es Urteile erster und zweiter Klasse? Wie kann es sein, dass das BVFG spricht, aber niemand kümmert sich darum? Ist wachsende Kinderlosigkeit nicht die logische Antwort auf solches Aussitzen?

Bärbel Fischer

Stellschraube Sozialabgaben

Die Schwäbische Zeitung berichtet am 25. Juni 2011 von Volker Kauders Vorschlag, statt Steuern zu senken (FDP) die Sozialabgaben zu reduzieren.

Dass Volker Kauder (CDU) statt Steuererleichterungen (FDP) Entlastungen bei den Sozialabgaben vorsieht, geht zwar in die richtige Richtung, muss aber trotzdem hinterfragt werden. Will man nun generell und linear die Empfänger niedriger Löhne entlasten, oder wird bei einer geplanten Entlastung endlich einmal danach gefragt, wie viele Mäuler vom Elternlohn gestopft werden müssen? Unser Sozialgesetz verlangt ja von allen Arbeitnehmern Abgaben in nahezu gleicher Höhe, ob sie drei Kinder zu versorgen haben oder keines. Das ist im höchsten Maße unsozial, denn jedes Kind kostet seine Eltern bis zu dessen Selbständigkeit mindestens 150 000 Euro. Bei einem Jahresgehalt von 30 000 Euro bleiben dem Single über 11 000 Euro zur freien Verfügung übrig, während der dreifache Familienvater mit einem Minus von mehr als 8 000 Euro bereits unterhalb des Existenzminimums angekommen ist. Die Differenz beläuft sich auf 19 000 Euro jährlich ( Quelle: Deutscher Familienverband 2011 ). Wenn überhaupt, so konnte die Mutter der drei Kinder über Jahre nur in Teilzeit erwerbstätig sein, wird daher am Ende nur eine Minirente zu erwarten haben, während Beschäftigte ohne Unterhaltsverpflichtung in den vollen Genuss ihrer Rente kommen. De facto werden in Deutschland Eltern durch Kindererziehung bestraft. Fazit: Es wäre allerhöchste Zeit, die Sozialabgaben nicht einfach nur zu kürzen, sondern endlich fair, d. h. familiengerecht zu gestalten.
Bärbel Fischer

Zeit ist Geld

Der Deutsche Familienverband stellte seine Jahrestagung im brandenburgischen Blossin unter das Leitwort ZEIT FÜR FAMILIE. In ihrem Vortrag forderte die Sprecherin des Aktionsbündnisses Familie, Christiane Lambrecht, einen fairen Generationenvertrag, also ein EQUAL P(L)AY zwischen Gesellschaft und Familie.

http://www.deutscher-familienverband.de/fileadmin/DFV/Bund/Bilder/BVT/BVT_2011/Vortrag_Zeit_ist_Geld.pdf

Herr Prof. Dr. Norbert Lammert, was nun?

Bundestagspräsident Prof. Dr. Lammert rügt die Bundesregierung, dass sie dem Auftrag des Bundesverfassungsgericht, ein demokratisches Wahlrecht zu formulieren, bisher nicht nachgekommen ist. Was ist mit dem Bvfg-Urteil von 2001, welches fordert, dass Eltern von Kindern nicht gegenüber kinderlosen Zeitgenossen benachteiligt werden dürfen? Die Umsetzung steht bis heute aus.

https://www.familiengerechtigkeit-rv.de/meinungen/meinungen.php

Strickfehler

Das Aktionsbündnis Familie stellt mit seiner Kampagne eine Forderung, die genau jenen Familien wenig nützt, die am meisten Hilfe brauchen, meint der Autor dieser Zuschrift.

Eine Entlastung für Familien (unterhaltspflichtige Eltern einschl. Alleinerziehende) bei den Sozialabgaben wäre eine konsequente Umsetzung des Pflegeurteils 2001 und zum Teil auch des vorangegangenen „Trümmerfrauenurteils“ des BGH.

Nur wäre in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass die konkrete Umsetzung entscheidungserheblich ist: würde der Gesetzgeber z.B. dieses Urteil damit umsetzen, dass er einfach das Existenzminimum von Kindern von der Beitragsbemessungsgrenze für die Sozialabgaben (Renten-Krankenkassen-und Pflegeversicherung) von der Beitragsbemessungsgrenze des Brutto-Gehalts der unterhaltspflichtigen erwerbstätigen Eltern abziehen würde, dann hätte dies für viele Familien keine Verbesserung zur Folge, weil gerade Mehrkindfamilien mit niedrigen oder mittleren Einkommen diese potentiell gewährten Freibeträge gar nicht von ihrem monatlichen Bruttogehalt ausschöpfen könnten. Dieser Aspekt wird leider auch von Herrn Dr. Borchert übersehen.

Darum macht eine familiengerechte Reform der gesetzlichen Sozialversicherungssysteme nur dann Sinn, wenn alle unterhaltspflichtigen Eltern unabhängig von ihrem Einkommen gleichermaßen von einer solchen Reform profitieren würden. Denn jedes Kind muss dem Staat gleich viel wert sein.

Daher hielte ich es für viel sinnvoller, wenn man sich politisch für ein sozialversicherungspflichtiges Erziehungsgehalt für unterhaltspflichtige Eltern einsetzen würde. Von einem Erziehungsgehalt würden alle Familien gleichermaßen profitieren. Darüber hinaus wäre eine konsequente Umsetzung des Pflege-und Trümmerfrauenurteils des Bundesverfassungsgerichts erreicht. Dass ausgerechnet Borchert so ein Erziehungsgehalt ablehnt aufgrund der angeblich dadurch steigenden Gefahr von Teenager-Schwangerschaften halte ich für populistisch und überhaupt nicht nachvollziehbar. Da erscheint mir die Forderung der ÖDP ( Ökologisch Demokratische Partei ) nach einem Erziehungsgehalt als die beste Umsetzung einer familiengerechten Entlastung, weil mit dieser Umsetzung nicht nur die einkommensstarken sondern in gleichem Maße die einkommensschwachen Familien profitieren würden.

In diesem Sinne rate ich dazu, die Forderung nach einer familiengerechten Entlastung bei den Sozialabgaben in die Forderung eines sozialversicherungspflichtigen Erziehungsgehaltes abzuändern oder beides zu kombinieren.
David Svoboda

Parkplätze für Kleinkinder

Wegen des Fachkräftemangels will die Bundesregierung Mütter mobilisieren – zur Freude der Wirtschaft. Den Preis zahlt die Familie. Von Jürgen Liminski

Nun ist die Katze aus dem Sack. Die Bundesregierung setzt, so heißt es in einem ministerialen Entwurf für das „Konzept Fachkräftesicherung“ vor allem auf Mütter und ältere Arbeitnehmer, um Fachkräfte zu gewinnen. In dem 27-seitigen Papier stellen acht beteiligte Ministerien sowie das Bundeskanzleramt dar, wie viele Fachkräfte bis 2025 fehlen und wie man diesen Mangel beheben will, nämlich, indem man auf Mütter und Frauen zurückgreifen wolle, hier lägen „erhebliche, auch kurzfristig zu mobilisierende Potenziale“. Federführend, um nicht zu sagen peitschenführend ist das Arbeitsministerium. Das liegt nicht nur in der Natur der Sache – es geht um den Arbeitsmarkt der Zukunft -, sondern auch in den Personen (Ministerin und ihre Abteilungsleiter) begründet. Frau Ursula von der Leyen, CDU, und ihre Hauptstütze Malte Riestau, SPD-Vordenker, den sie aus dem Familienministerium ins Arbeitsministerium mitnahm, hatten schon bei der Krippendebatte vor vier Jahren den Arbeitsmarkt im Sinn. Ihnen ging und geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um das Wohl von Vater Staat und das Wohl der Wirtschaft.

Dieses familienfeindliche Denken wird nun am internationalen Tag der Familie offenkundig – eine Ironie der Geschichte. Ginge es der früheren Familienministerin und der Bundesregierung insgesamt um das Wohl der Kinder, dann hätte man im Zuge der Krippendebatte nicht nur um die Zahl der neu zu schaffenden Plätze diskutieren müssen, sondern vor allem um die Qualität der Betreuung. Diese Debatte aber fand nicht statt. Der Gesellschafts-und Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz formuliert es so: „Erwerbsarbeit ist der gesellschaftliche Attraktor der alles andere strukturiert. Deshalb müssen Mütter ohne Zeitverzug dem Arbeitsmarkt zugeführt werden; und deshalb wird Ganztagsbetreuung zur gesellschaftspolitischen Norm im Umgang mit Kindern. ‚Familienfreundlich’ heißt dann diejenige Politik, die Ganztagsbetreuung und Ganztagsschulen fördert…. Day care ermöglicht es den Eltern, Kinder zu haben, als hätte man sie nicht. So tanzen Wirtschaftspolitik und Frauenemanzipation gemeinsam um das goldene Kalb ‚Ganztagsbetreung’ – und man darf nicht fragen, wie sich das auf die Kinder auswirkt“.

Eine echte Qualitätsdebatte hätte natürlich die Frage aufwerfen müssen, woher die vielen neuen Erzieherinnen für die geplanten 500.000 neuen Krippenplätze kommen und vor allem, wo und wie sie ausgebildet werden sollen. Wenn man nur einen Schlüssel von 5 Kindern pro Erzieherin zugrunde legt, bräuchte man 100.000 neue Erzieherinnen. Wo ist in den Haushalten von Bund oder Ländern eine Aufstockung der Posten für die Ausbildung von Erzieherinnen vorgesehen? Wo sind die neuen Fachhochschulen? Wo sind die Studenten und Studentinnen für diese Schulen? Wo sind neue Lehrpläne, die auch den neuen Ergebnissen der Hirn-und Bindungsforschung Rechnung tragen? Wo ist überhaupt die Debatte über diese Fragen? Welcher Politiker wirft sie auf? Fazit: Die Qualitätsdebatte findet nicht statt, die 500.000 neuen Krippenplätze sind Parkplätze für Kleinkinder, damit die jungen Frauen möglichst schnell wieder an die Kasse im Supermarkt, in die Büros, an das Fliessband zurück können.

Und genauso war es auch geplant. Denn junge Frauen sind heute besser ausgebildet als früher, seit dem Wintersemester 98/99 schreiben sich auch mehr Frauen als Männer an den Universitäten ein und sind in der Regel schneller fertig mit ihrem Studium als Männer. Da sie statistisch gesehen zudem noch rund 22 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, sind sie von der Wirtschaft auch besonders begehrt. Wenn sie ein Kind bekommen sind sie außerdem an einem Arbeitswechsel wenig interessiert, also noch firmenloyaler als die Männer. Keine ernsthaften Fragen nach dem Wohl der Kinder – das hat man mit kurzfristigen aber wissenschaftlich fragwürdigen Studien, vor allem der Bertelsmann-Stiftung, schon im Vorfeld abgewürgt – aber mehr preisgünstige Qualität der jungen Frauen und Mütter, da ist es schon verständlich, dass man dieses Potential unbehelligt von lästigen Qualitätsdebatten zum Wohl der Wirtschaft heben will. Und sich nun anschickt, das auch zu tun. Es hat den faden Geschmack der Ausbeutung von Familie und der Zukunft. Es spielt keine Rolle, welche Wirkung die Krippenbetreuung hat. Selbst regierungsnahe Experten und Berater sagen gelegentlich, dass man frühestens ab 18 Monaten ein Kind von der Mutter trennen sollte. Wassilios Fthenakis, überzeugter Krippenbefürworter, drückt es so aus: „Die Bindungsqualität ist heute genauso wichtig wie früher… Die Eltern lassen sich durch nichts ersetzen… Man kann aber das Aufwachsen des Kindes bereichern, wenn es in eine Einrichtung von hoher Qualität geht“. Diese Einrichtungen gibt es vielleicht als Pilotprojekte oder Einzelfälle. Ansonsten ist Deutschland Qualitätswüste und tobt hier ein auch politisch gesponserter Expertenkrieg, bei dem sich die Bindungsforscher in Deutschland erstaunlich zögerlich verhalten, während sie im Ausland immer deutlicher vor den Folgen der Fremdbetreuung warnen, etwa in Großbritannien, aber auch in Frankreich und Schweden. Für ideologiefreie Bindungsforscher ist klar: Fremdbetreuung ist Risikobetreuung. Es kommt aber, wie die Bindungsforschung in zuverlässigen Langzeit-Studien ergeben hat, auf die individuelle Förderung an und niemand kann individueller fördern als die Mutter.

Aber Fremdbetreuung ist nötig, um das Potential an Fachkräften unter den jungen, gut ausgebildeten Frauen zu erschließen. Nur ideologisch ist es zu verstehen, wenn die Bundesregierung unter Federführung von Frau von der Leyen und ihrem geistigen Mentor Malte Riestau empfiehlt, die Kinder „in professionelle Hände zu geben“. So redet man, wenn man social engineering betreibt und nicht nur die liebende Beziehung zwischen Mutter und Kind außer Acht lässt, sondern auch die Bindungsqualität als zweitrangig ansieht. Was zählt ist das Funktionieren der Wirtschaft. Dass diese Politik nicht weit führt und den künftigen Generationen das Wasser abgräbt, in dem die jetzigen Politiker so schön lau baden, ist ein Problem eben der künftigen Generationen in Deutschland. In Finnland und Frankreich hat man dagegen aus den Erkenntnissen der Bindungsforschung einen doppelten Schluß gezogen: Zum einen baut man das Institut der Tagesmutter aus und diese darf nicht mehr als vier Kinder betreuen, zum anderen unterstützt man die Familien auch finanziell direkt und individueller. In Deutschland zieht man die Banken den Familien vor. Das ist zwar teurer und auch nicht nachhaltig, aber dadurch sichert man sich für ein paar Jahre Ruhe und vielleicht auch Wahlerfolge. Was danach kommt ist offen. Das kann eine gesellschaftliche Sintflut sein oder eine materielle wie geistige und emotionale Verarmung. Aber das ist später. Jetzt ist Fachkräftemangel. Da muss man eine Lösung aus der Schublade ziehen. Die liegt schon seit Jahren drin, jetzt wird sie präsentiert.

Der Autor ist Verfasser einschlägiger Bücher:
Jürgen Liminski: Die verratene Familie – Politik ohne Zukunft. Sankt-Ulrich-Verlag, Augsburg, November 2007, ISBN: 978-3-86744-025-7
und
Martine und Jürgen Liminski: Abenteur Familie – Liebe und was sonst noch nötig ist. Sankt-Ulrich-Verlag, Augsburg, 2.Auflage, mit einem Vorwort von Paul Kirchhof.
ISBN:978-3-929246-78-0