Sehr geehrte Frau Dr. Maria Böhmer!

Zu den jüngsten Äußerungen von Frau Dr. Maria Böhmer, der Vorsitzenden der Frauen-Union, das geplante Betreuungsgeld lieber unbar und „gezielter den Müttern für den beruflichen Wiedereinstieg, die Rentenvorsorge oder für eine ergänzende Pflegeversicherung zukommen zu lassen“ :


Ich nehme Bezug auf Ihre jüngsten Äußerungen zum geplanten Betreuungsgeld (Focus online)


„Frauen, wir brauchen euch!“ tönt es uns aus Politik und Wirtschaft entgegen. Wir brauchen euch als gut ausgebildete Fachkräfte. Wir brauchen eure Kompetenzen, euer Talent, eure Kreativität. Tatsächlich: wir Frauen sind Alleskönner. Wir „stehen unseren Mann !“ als Apothekerin, Bäuerin, Lehrerin, Krankenschwester, Gastronomin, Journalistin, Bankangestellte, Verkäuferin. Wir organisieren, planen, entscheiden, verwalten riesige Summen. Kurz, wir sind autonom.


Sind wir aber Mutter geworden, und zu unserer Klugheit gesellt sich noch die Weisheit, unser Kind, unser höchstes Gut nicht vorzeitig in fremde Hände zu geben, sondern unsere Emotionalität 24 Stunden am Tag und jahrelang mit dem Kind zu teilen, dann ist auf einmal Schluss mit lustig! Wenn es darum geht, 150 Euro zu verwalten, zu entscheiden, wo und wie man das Geld am besten anlegt, oder wofür es ausgegeben wird, dann erklärt uns das politische Establishment für zu dumm, zu dämlich und für inkompetent. Dann wird über unsere Köpfe hinweg entschieden, wo man die lächerlichen 150 Euro „versteckt“, damit sie nicht etwa im Haushalt verschwinden. Die Gutscheinlösung scheint bei unseren Volksvertretern besonders beliebt zu sein.


Nun kommt das Argument, die „bildungsfernen Unterschichtfrauen“ würden das Geld für sich selbst verbrauchen, anstatt für die Bildung der Kinder. Nun frage ich Sie, warum die geplante staatliche Leistung Betreuungsgeld und nicht Bildungsgeld heißt? Doch, weil es für die mütterliche Betreuung gedacht ist. Die Erzieherinnen der Kita bekommen doch auch ihren Lohn (und keine Gutscheine)! Von Lohn kann bei dem lächerlichen Betrag von 150 Euro sowieso nicht die Rede sein, denn der Stundenlohn für die Mütter beträgt umgerechnet 62 Cent!


Um dieses Almosen geifern unsere Parlamentarier, wohl wissend, das jeder Krippenplatz den Steuerzahler 1000 Euro kostet. Um Gerechtigkeit geht es hier also nicht. Es geht, und Sie wissen das, auch gar nicht um Geld, sondern darum, den Müttern ihre Mutterschaft zu vergraulen. Schließlich sollen die Frauen ja eiligst wieder in die Betriebe, damit sie eine „ungebrochene Erwerbskarriere“ hinlegen. Und erst recht geht es nicht um das Wohl unserer Kinder. Denn sonst würde man den Müttern genügend Familienzeit und ein entsprechendes Auskommen gönnen.


Werte Frau Dr. Böhmer, wie tief sollen wir Mütter denn noch erniedrigt werden? Würden Männer das tun, so würde man sie als eingefleischte Machos verachten. Aber es sind ja gerade Politikerinnen wie Sie, Frau v.d. Leyen, Frau Schwesig und viele andere, die uns Mütter demütigen. Ist das Solidarität unter Frauen? Sind das die hehren Ziele der Gleichberechtigung? Vielleicht befasst sich die Gleichstellungspolitik einmal mit der Ungleichbehandlung unter Frauen und der Diskriminierung von jungen Müttern. Da gibt es viel zu tun, Frau Dr. Böhmer!


Daher möchte ich Ihnen, als der Vorsitzenden der Frauen-Union, dringend ans Herz legen, die Autonomie von uns Müttern ( Ihren Wählerinnen) wieder ernst zu nehmen, uns zu achten und zu ehren Denn nach unserer Auffassung ist es nicht damit getan, Kinder nur in die Welt zu setzen. Sie müssen auch in ihren humanen Bedürfnissen geachtet werden. Und sie haben den biologischen Anspruch auf Zeit und Zuwendung ihrer Eltern.


Es grüßt Sie zornig, aber zuversichtlich

Bärbel Fischer

im Auftrag der ELTERNINITIATIVE für FAMILIENGERECHTIGKEIT im Landkreis Ravensburg





Wo bleibt die Gleichstellung unter Frauen?

Die CDU-Frauenunion plädiert unter ihrer wiedergewählten Vorsitzenden, Dr. Maria Böhmer, für mehr Gleichstellung. Paradoxerweise fordert sie im selben Atemzug, das geplante Betreuungsgeld nur unbar zu gewähren, und demütigt damit alle verantwortungsbereiten Mütter. Gleichstellung?

http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/cdu-frauen-union-fordert-mehr-gleichstellung-im-berufsleben_aid_677472.html

Lesen Sie auch das Schreiben der Elterninitiative an Frau Dr. Böhmer:

zu "Verdummungsprämie"

Jörg Dräger, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmannstiftung, bezeichnet das geplante Betreuungsgeld für Vollzeitmütter als „Verdummungsprämie“ für die Kinder.

Dazu folgende Kommentare:

Sehr geehrter Herr Draeger,

mit großem Interesse habe ich die gestrige Sendung „Glaubenskrieg Kinderbetreuung“ ( 23. 10. 2011 ) verfolgt.

Ich kriege schon die Krise, wenn das Wort „Rabenmutter“ bemüht wird, um einen vermeintlichen Krieg der Familienmodelle herbeizureden. Es gibt keine Rabenmütter, und es gibt keinen Krieg. Es geht einzig und allein darum, dass Familienfrauen gegenüber berufstätigen Müttern nicht benachteiligt werden dürfen. D. h., es kann auch nicht um lächerliche 150 Euro gehen, sondern um ein Betreuungsgeld in Höhe der staatlichen Krippensubvention pro Kind und Monat.

Dass in Deutschland Kinder heute schon nach wenigen Monaten out-gesourcet werden müssen, wird oft mit der Notwendigkeit „frühkindlicher Bildung“ beschönigt. Die hässliche Wahrheit ist aber, dass Müttern keine Zeit für Familie mehr bleibt, denn sie müssen sich ihr Brot und ihre Altersversorgung mühsam zusätzlich und trotz ihrer Verantwortung für leibliche Kinder erwirtschaften. Kindererziehung in der Familie hat hierzulande nämlich einen NULLWERT im ( tunlichst verschwiegenen ) Gegensatz zu Frankreich und den skandinavischen Ländern, die ein anständiges Betreuungsgeld (keine Herdprämie, dieses Unwort gibt es übrigens auch nur in Deutschland! ) zahlen, weil sie nach überaus traurigen Erfahrungen mit Krippenkindern den Wert einer funktionierenden Familie wieder hochschätzen. Sie, Herr Draeger, nennen ja das Betreuungsgeld schneidig eine „Verdummungsprämie“. Leider können wir erst in ein paar Jahren feststellen, welchen Verdummungseffekt die stressbelastete Krippenbetreuung auf den Intellekt der zu früh getrennten Kinder hatte.

Eines aber ist erwiesen, dass unsere deutschen Geistesgrößen allesamt unter mütterlich-liebender Fürsorge zu dem wurden, was sie sind.

Bärbel Fischer



Wer verdummt hier wen?


Wenn Herr Draeger von der regierungskonformen Bertelsmannstiftung das geplante Betreuungsgeld für Vollzeitmütter eine „Verdummungsprämie“ nennt, dann wird der Zuschauer hellhörig und misstrauisch. Schon wieder ein Unwort? Wozu? Reicht etwa die Gehirnwäsche zugunsten der frühen Krippenbetreuung noch immer nicht aus, um alle Mütter aus den Kinderzimmern und in die Betriebe zu jagen? Sind etwa immer noch nicht alle offenen Stellen mit billiger Frauenarbeit besetzt?


Wo es bisher nicht gelang, Mütter mit wohlklingenden Phrasen wie „Selbstverwirklichung“ und „Emanzipation“ aus dem Haus zu locken, so versucht man es nun eben mit der Schreckensbotschaft „Verdummung“, die den Kindern unter mütterlicher Betreuung angeblich droht.


Aber, Herr Draeger, so primitiv lassen sich Mütter nicht „verdummen“, auch nicht von Ihnen! Mütter merken genau, wie der Hase läuft. Frauen WOLLEN gar nicht Familie und Karriere gleichzeitig, sondern nacheinander. Aber nach dem Willen des Arbeitsmarktes SOLLEN sie, zum Teufel nochmal, gleichzeitig beides! Früher nannte man das Sklaverei!


Bärbel Fischer


 

Schlüsselproblem: Pflege

Daniel Bahr hat recht. Das Konzept der Pflegeversicherung war von Anfang an, und ist auch in seiner heutigen Form extrem untauglich. Nur erkennt der FDP-Gesundheitsminister die wahre Ursache nicht. Dass zu wenig Geld in der Pflegekasse ist, liegt nämlich nicht nur daran, dass wir immer älter werden und die Zahl der Beitragszahler stark schrumpft, sondern dass eine breite Bevölkerungsschicht sich am Lastenausgleich gar nicht beteiligt.

Bei der Einführung der Pflegeversicherung ging man davon aus, dass die meisten Erwachsenen eine Familie gründen, und der Nachwuchs sowohl die Beiträge als auch den Pflegedienst übernehmen würde. Diese Annahme hat sich aber nicht bestätigt. Heute leben nur noch in 32 % aller Haushalte Kinder. Viel zu viele Zeitgenossen, und es werden immer mehr – haben sich Kinder, und damit die Ausgaben für deren Fortkommen, erspart und sich statt dessen ein sehr, sehr auskömmliches Leben geleistet. Auch wenn kinderlose Arbeitnehmer aufgrund des BVG-Urteils von 2001 den lediglich um 0,25 % ( ! ) erhöhten Beitrag in die Pflegekasse einzahlen, ohne die Alimentierung durch die Kinder ihrer Nachbarn und die Erziehungsleistung von deren Eltern müssten sie im Pflegefall komplett „in die Röhre gucken“. Gerade weil die Kinderlosen sich nicht auf die Pflege von Nachkommen stützen können, werden sie alternativlos die teure professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Wer aber soll das bezahlen?

Kinderlosigkeit, ob schicksalhaft oder gewählt, hat eine belastende Wirkung auf unser vereinbartes Umlagesystem aus der Ära Adenauer. Nach soliden Berechnungen handelt es sich um ca. 270 000 Euro, welche die Eltern aus eigener Tasche in jedes ihrer Kinder investieren. Aufgrund der nachwuchsvergessenen Struktur unseres sog. Generationenvertrags müssen sich kinderlose Mitbürger nicht an den Kinderkosten beteiligen, obwohl sie bei Rente und Pflege genau auf diese Kinder angewiesen sein werden. Die Unterhaltskosten für Kinder werden bis heute den Eltern allein aufgebürdet. Alterskosten werden hierzulande sozialisiert (Umlage), Kinderkosten aber privatisiert (Privatvergnügen / Hobby!).

Das Umlagesystem bewirkt also, dass jene, die Kinder großziehen, überproportional belastet werden, ihre eigene Pflege im Alter aber auf dem Spiel steht. Auch wenn die Familienministerin mit ihrem kostenneutralen Teilzeitmodell die Familienpflege stützen will, das Grundproblem ist damit nicht gelöst, dass nämlich die Verursacher der Krise bisher von einem Lastenausgleich verschont geblieben sind. Freilich freuen sich die Eltern, wenn ihre Kinder ihnen im Alter beistehen. Im Endeffekt aber nimmt die Familie der Gesellschaft wiederum eine Last ab, die diese über die Umlage zu tragen versprochen hat.

Es gäbe mehrere Modelle, Kinderlose stärker an den Sozialkosten zu beteiligen:

Bärbel Fischer

Wo bleiben die guten Krippen?

Die Verarbeitung von Trennungsängsten gelingt nicht immer: Wissenschaftler ergründen, wie sich die Fremdbetreuung auf kleine Kinder auswirkt. Von Martina Lenzen-Schulte

Die Familienministerin nimmt ihr Kind mit ins Büro, es gibt dort schon einen Wickeltisch. Sie kümmert sich selbst und setzt daneben auf die Unterstützung der Großeltern. Frau Schröder bringt also ihr Kind nicht in die Krippe, deren Ausbau ihr als Politikerin so am Herzen liegt. Das ist verständlich, denn letztlich ist nicht ausgemacht, wie viel die frühe Erziehung außer Haus nützt oder schadet. Auf dem diesjährigen Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Bielefeld fiel die Bilanz eher ungünstig aus. Das zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse der Stressforschung, die Carola Bindt, Kinder- und Jugendpsychiaterin an der Universitätsklinik Hamburg, vorstellte. Was Kinder stresst, ist längst nicht offensichtlich. Schon Anna Freud hatte dokumentiert, dass im Krieg Lebensmittelknappheit und Bombenalarm von Kindern vergleichsweise wenig bedrohlich empfunden wurden – solange nur die wichtigsten Bezugspersonen in der Nähe waren. Erst das Auseinanderreißen von Familien, etwa auf der Flucht, löste schwere Traumata aus. Vor allem die Wucht psychischer Stressfaktoren könne nicht hoch genug eingeschätzt werden, betonte Bindt: „Sie resultiert aus der Angst vor sozialer Zurückweisung, die eben so spezifisch ist für den Menschen.“

Die Belastung der Kleinsten in der Frühbetreuung kann man messen, Auskunft gibt das Cortisol-Tagesprofil. Der Pegel des Stresshormons steigt bei Gesunden in einem charakteristischen Muster auf und ab. Bei achtzig Prozent der Kinder in der Tagesbetreuung – sie erleben täglich neu den Wechsel von zu Hause zur Einrichtung – ist dieses Muster anhaltend verändert, deren Spiegel steigen pathologisch bis zum Abend stetig an. Dieser Stresseffekt kann durch gute Betreuungsqualität abgeschwächt, aber nicht aufgehoben werden. Er ist umso klarer nachzuweisen, je jünger die Kinder sind. Spuren dieser Belastung sind nicht nur Monate, sondern selbst Jahre später auszumachen. Noch die Cortisollevel von Teenagern sind umso höher, je länger sie außerhalb der Familie betreut wurden. Dennoch macht die Krippe nicht zwangsläufig krank. Das liegt zum einen an der Resilienz des Einzelnen, seiner Widerstandsfähigkeit, erklärte Bindt, denn: „Ein gewisses Ausmaß an Stress schädigt nicht jeden. Milder Stress kann sogar entwicklungsfördernd sein.“

Das liegt zum anderen auch an Art und Umfang der Krippenerfahrung, denn die Spanne, was die Qualität der Betreuung und die Dauer der Unterbringung angeht, ist groß, entsprechend unterschiedlich sind die Folgen. Jay Belsky von der University of California in Davis war nach Bielefeld gekommen, um die Eckdaten seiner inzwischen berühmten, aber in Deutschland wenig beachteten Langzeitstudie vorzustellen. Er hatte sich als Antwort auf die von Ideologien geprägten „Krippenkriege“ der siebziger und achtziger Jahre in den Vereinigten Staaten vorgenommen, hierzu eine methodisch möglichst unanfechtbare Studie in die Tat umzusetzen. 1364 Kinder wurden im Alter von einem Monat aufgenommen und regelmäßig untersucht, um an ihrem Schicksal die Auswirkungen der Kleinkindtagesbetreuung zu dokumentieren. 900 von ihnen standen immerhin noch im Alter von 15 Jahren für eine Beurteilung zur Verfügung. Geprüft wurde etwa, wie sich Quantität und Qualität der Betreuung im Alter von drei bis 54 Monaten auf die Kinder auswirkten. Eine hohe Betreuungsqualität, so fand man, lässt im Vergleich zu einer schlechten eine Verbesserung der geistig-kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten erwarten. Die Hoffnung, insbesondere Kindern aus schwierigen und bildungsfernen Familien somit durch langjährige Frühförderung eine bessere Ausgangsbasis vor dem Schulanfang zu verschaffen, trügt jedoch, denn die Dauer der Unterbringung in der Krippe trägt dazu nichts bei. Die Betroffenen haben im Gegenteil umso mehr andere Schwierigkeiten, je länger sie als Kleinkind in einer Gruppeneinrichtung verbrachten. Erzieher und Lehrer attestierten ihnen besonders häufig „Problemverhalten“. Das wollten Befürworter einer frühkindlichen Gruppenbetreuung jedoch nicht gelten lassen. „Immer wieder habe ich zu hören bekommen, diese Kinder seien nur ein wenig unabhängiger, durchsetzungsfähiger“, sagte Belsky. Aber solche Beschönigungen konnte sein Team widerlegen. Die Kinder waren nicht einfach nur schwierig, sie waren deutlich aggressiver, häufiger an Kämpfen beteiligt, fielen eher durch Gemeinheiten, Ungehorsam und Sachbeschädigung auf.

Dieser Befund war unabhängig von der Qualität der frühkindlichen Krippe, und er war bis ins Jugendalter zu erheben. Dann fielen die Langzeitbetreuten durch Alkoholkonsum, Diebstahl und Vandalismus auf. Allerdings ist die Wirkung frühkindlicher Fremdbetreuung im Guten wie im Schlechten insgesamt eher gering, sowohl was kognitive Leistungen als auch was das psychosoziale Verhalten betrifft: „Eigentlich wird der dominierende Einfluss der Familie durch unsere Studie untermauert“, hob Belsky hervor. Allerdings sei es möglich, dass auch solch schwache Veränderungen beim Einzelnen große Auswirkungen auf die Gruppendynamik haben. So stellte er eine Folgestudie vor, wonach in einer Schulklasse mit sehr vielen Kindern, die über lange Phasen in der Kindheit aushäusig in Gruppen betreut wurden, diese den anderen ihr Problemverhalten aufzwangen.

Wenn sich kognitive Leistungen überhaupt nur bei guter Betreuungsqualität steigern lassen, dann ist die Situation in Deutschland besonders negativ zu bewerten, denn es mangelt an guten Krippen. „Die Qualität der hiesigen Betreuungsangebote bleibt weit hinter den gesetzten Standards zurück“, monierte Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bielefeld. Der Personalschlüssel wird deutlich unterboten, die Gruppen sind in der Regel unangemessen groß, nur drei Prozent der Erzieherinnen haben einen Bachelor-Abschluss und das Mischungsverhältnis der Altersgruppen ist ungünstig. Nicht nur Strukturen, auch Abläufe – etwa bei der Eingewöhnung der Kinder – lassen zu wünschen übrig. So wurde in einer Untersuchung aus dem Jahr 2007 nur zwei Prozent der deutschen Kinderkrippen eine sehr gute bis gute Qualität bescheinigt, zwei Drittel erhielten mittelmäßige Noten und ein Drittel den Stempel unzureichend. Nach einem effektiven Werkzeug zur frühen Förderung klingt das nicht. „Statt allein auf den Ausbau der Krippenbetreuung zu bauen, sollten alternative Fördermodelle eine Chance erhalten, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ohne Belastung der Kinder ermöglichen“, forderte Böhm. Das sind politisch denkbar unkorrekte Ansätze, sollen doch Krippenplätze bis 2013 flächendeckend mit einem Anspruch für alle ab dem ersten Lebensjahr zur Verfügung stehen. Zu viel Kritik am Ist-Zustand ist gegenwärtig jedoch derart verpönt, dass Böhm sogar der Hinweis auf interessengeleitete Beschönigungen in einem aktuellen wissenschaftlichen Aufsatz für die Fachzeitschrift „Kinderärztliche Praxis“ gestrichen wurde.

Der in freier Praxis tätigen Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer aus Hamburg war es vorbehalten, die wissenschaftlichen Ergebnisse in das Narrativ der Krankengeschichte einer Patientin zu übersetzen, die in der DDR wie alle Kinder eine Krippe besuchen musste. „Wir sehen solche Patienten immer öfter in unseren Praxen, aber gesellschaftlich ist es immer noch ein Tabu, das anzusprechen“, sagte Scheerer. Kennzeichnend für die Leidenskarrieren sei vor allem, dass die krankmachenden Umstände – Trennungsängste, mangelnde Zuwendung durch die Erzieherinnen und das stundenlange Sichselbstüberlassensein – selten als Auslöser für die heutigen Defizite im Gefühlsleben dieser Menschen erkannt würden. „Es war normal, wie bei allen“, so zitiert die Therapeutin die am häufigsten vorgebrachte Entschuldigung der Betroffenen wie auch ihrer Eltern. Gisela Kalz, die noch als Kinderärztin in der ehemaligen DDR praktizierte und inzwischen das Sozialpädiatrische Zentrum in Neuruppin leitet, bestätigte, dass bis heute die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser frühen Traumatisierungen zu wünschen übrig lässt. Dabei lassen allein die historischen Tatsachen erkennen, wie sehr die frühe Krippenbetreuung seinerzeit die Bedürfnisse der Mütter und Kleinkinder ignorierte: Zunächst wurde von etwa 1950 an die Parole ausgegeben, dass die Babys so früh wie möglich in die Krippe sollten, damit die Arbeitskraft der Mütter ungeschmälert zur Verfügung stünde. Nach und nach gewährte man jedoch aufgrund schlechter Erfahrungen der Kinder immer längere „Auszeiten“. So gab es von 1986 an Lohnfortzahlungen für zwölf Monate beim ersten und bis 18 Monate ab dem dritten Kind. Überdies sei vielen Kinderärzten die Not der Eltern und Kinder seinerzeit durchaus bewusst gewesen. Sie konnten sie zeitweise vor der Pflicht zur Gruppenverwahrung schützen, indem sie die Kinder „krippenuntauglich“ schrieben – eine Diagnose, die man weltweit in einschlägigen Krankheitsmanualen vergeblich sucht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.10.2011 Seite N1


 

"Balsam für die Seelen berufstätiger Mütter"

Am 30. 09. 2011 legte die Schwäbische Zeitung Wert auf die Veröffentlichung eines Berichts über eine Studie, die anscheinend die Negativfolgen für die Entwicklung fremdbetreuter Kinder widerlegt. Jörg Zittlau eifert sogar: „Die Abwesenheit der Mutter schadet den Kleinen nicht – im Gegenteil!“ Weiter führt er aus, dass vor allem für Mädchen die Distanz von der Mutter besonders vorteilhaft sein soll, denn diese entwickelten dann weit weniger Verhaltensauffälligkeiten als Mädchen, die von ihren Müttern betreut wurden. Zittlau stützt sich dabei auf „eine der größten entwicklungspsychologischen Studien“, ohne diese zu benennen. Britische Säuglinge genießen den Aufenthalt in der Kinderkrippe fernab vom Elternhaus anscheinend besonders, wie die Millennium Cohort Study beweisen soll, denn sie entwickelten sich blendend. Kein Wort darüber, auf welche Normen sich die Tests beziehen, und kein Wort darüber, wie sich die Entwicklung über das 5. Lebensjahr hinaus gestaltete.


Überschrieben ist der Artikel demaskierend: „Balsam für die Seelen berufstätiger Mütter“. Zunächst stellt sich hier doch die Frage, warum berufstätige Mütter überhaupt wunde Seelen haben. Doch nur, weil sie spüren, ihrem Kind geht es nicht gut in der Krippe ( der tägliche Umzug von einem Aufenthaltsort zum anderen, der täglichen Bruch von einer Beziehungsperson zur anderen, der laute Kantinentisch, das tägliche Heimweh nach Mama und Papa und die laute oder leise Wut, beiseite geschoben worden zu sein ). Wund sind die Seelen, weil die Frauen dem Mainstream zuinnerst misstrauen und weil sie durch die Doppelbelastung selbst am Ende ihrer Kraft sind ( der morgendliche Übergabe- und der abendliche Abholstress. Bis zur psychischen Erschöpfung addieren sich tagtäglich die beruflichen und familiären Ansprüche für die Eltern ). Und wund sind die Seelen, weil die Mütter keinen Ausweg aus dem Dilemma sehen, dass der Familie bei nur einem Verdienst einfach zu wenig Geld bleibt.


Aber die Frage nach der Ursache des Zerriebenseins stellen die Medien nicht, und unsere, die Frauen ausbeutende Politik erst recht nicht.


Dass berufstätige Mütter von Kleinkindern nach Balsam für ihre wunden Seelen lechzen, dürfte jedem einleuchten. Die Frage ist nur, ob fragwürdige Studien Heilung bringen, oder ob nicht eher unser verkorkster Generationenvertrag familiengerecht reformiert gehört, damit Eltern sich stressfrei, gelassen und heiter ihren Kindern zuwenden können.

Es ist genug Geld da



Zunächst wollen wir einfach mal feststellen: Es ist genug Geld da. Die Frage ist einfach nur, an wen und in welcher Form wird es verteilt. Wenn die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder am Wochenende dem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble entgegen kommt und das ab 2013 geplante Betreuungsgeld schon vorab um 50 Prozent kürzt, noch bevor es in Kraft tritt, ist der Verweis auf die gespannte Kassenlage jedenfalls kein überzeugendes Argument. Ganz zu schweigen davon, dass die Milliardenbeträge, die derzeit wieder für Griechenland oder Bankenrettungen in der Diskussion sind, ja offenbar auch irgendwoher kommen, obwohl die Kassen angeblich ständig leer sind.

Wir wollen doch in diesem Moment einmal kurz der vier Milliarden (das ist eine Zahl mit neun Nullen) gedenken, die der Bund zur Verfügung gestellt hat, um neue Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren zu bauen. Und dann wollen wir auch an die vier Milliarden (noch mal neun Nullen) erinnern, die die Länder ebenfalls zugesagt haben für den gleichen Ausbau. Es existieren also nach wie vor und trotz angespannter Kassenlage (als ob diese jemals entspannt wäre) gewaltige Geldsummen, die für die Betreuung der Kinder gedacht sind. Sie sollen aber alle komplett in das staatliche Betreuungssystem fließen und nicht an die Familien direkt gezahlt werden.

Ich verstehe die Argumentation ehrlich gesagt nicht. Wieso kann nicht ein Teil dieser Milliardensumme genommen werden, um es direkt an die Eltern mit kleinen Kindern auszuzahlen?

Wenn ich für meine Kinder einen Kitaplatz in Anspruch nehme, kostet dies den Staat im Durchschnitt bundesweit etwa 11.000 Euro im Jahr. Die Zahlen schwanken ein bisschen je nach Bundesland. Aber dies ist der normale Rahmen, in dem sich die Summe bewegt. Wenn ich mich als Mutter oder Vater entscheide, die Kinder selbst groß zu ziehen und das geplante Betreuungsgeld in Anspruch nehme anstatt des Kitaplatzes, dann kostet dies den Staat nur 1.680 Euro im Jahr. Es würde den Staat also nicht einmal mehr 20 Prozent der ursprünglichen Summe kosten, die er sowieso bereit wäre auszugeben. Rechnet man es auf zwei Jahre hoch – wie ursprünglich geplant – dann steht dort eine Summe von 22.000 Euro (Kita) gegen eine lächerlich kleine Summe von 3.360 Euro Betreuungsgeld für den gleichen Zeitraum.

Es ist also kein Geld da in der Kasse? Na, dann lasst uns doch sparen! Warum nur schwenkt der Staat nicht auf die für ihn deutlich günstigere Lösung ein und fördert die Eigeninitiative und Erziehungsgewalt der Eltern? Kostengründe können es jedenfalls nicht sein, denn die Zahlen zeigen deutlich ein anderes Bild.

Offenbar will niemand wirklich, dass die Eltern mindestens drei Jahre ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen. Das System braucht vor allem die Arbeitskraft der Frauen und das möglichst sofort. Dazu noch die immer wieder neu formulierten Schmährufe in Richtung der Eltern. Die Degradierung des Betreuungsgeldes als »Herdprämie«, damit klar ist: Eltern, die dieses in Anspruch nehmen, vergeuden ihre wertvolle Zeit »am Herd« anstatt sich produktiv in die Gesellschaft einzubringen. Ich kann es bald nicht mehr hören. Kinder groß zu ziehen ist erstens keine vergeudete Zeit, sondern die recht exklusive, zeit- und geldintensive Investition in »Humankapital«. Zweitens brauchen wir genau dieses Humankapital, sprich Kinder, denn sonst nützt auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze nichts.

Wir reden immer gerne von Wertevermittlung und von Bildung, wenn es um Kinder geht. Beides soll intensiv geschehen, die Frage ist nur, wie und durch wen? Es sind nicht in erster Linie die Bildungserfolge, die uns fehlen, sondern die so genannten Sekundärtugenden. Dinge wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Durchhaltevermögen, Kritikfähigkeit, Selbsteinschätzung, Sozialverhalten, gutes Benehmen, Höflichkeit, Teamfähigkeit und manchmal sogar Tischmanieren. Mein Vorschlag: Fragen Sie doch mal bei Unternehmern nach, die auf der Suche sind nach Auszubildenden, die können Ihnen ein Lied davon singen, was den jungen Menschen in unserem Land so alles fehlt. Das sind Dinge, die unsere Kinder nicht in der Schule lernen und dort auch niemals lernen werden. Es sind Dinge, die in mühsamer, nervenaufreibender Kleinarbeit in den Familien vermittelt werden. Durch Wiederholung, Erinnerung und das persönliche Vorleben. Es gehört inzwischen zur bildungspolitischen Binsenweisheit, dass Kinder am besten durch Erfahrung und Nachahmung lernen und nicht durch Frontalunterricht. Kinder ahmen nach, was sie bei anderen sehen. Es kommt also sehr darauf an, mit wem sie in der Regel ihre Zeit verbringen. Es geschieht nicht einmal bewusst, sondern im Unterbewusstsein. Und deswegen können wir all diese Sekundärtugenden nicht im Unterricht vermitteln mit Lehrern, die im 45-Minuten-Takt wechseln. Es funktioniert zu Hause, in der Familie, oder gar nicht.

Warum nur macht es die Politik den Eltern so schwer, sich die Zeit für ihre Kinder zu nehmen? Zeit, um all dies einzuüben und zu wiederholen, was die Kinder später in ihrem Leben so dringend brauchen werden? Ich kenne die Argumente der Kritiker, die dann immer gerne darauf verweisen, dass die Schule doch so viel leisten muss, was die Kinder zu Hause nicht vermittelt bekommen. Da beißt sich die Katze allerdings in den Schwanz: Denn wo keine Zeit zu Hause, da wird nichts vermittelt und das landet dann bei der Schule – die das in der Regel dann aber auch nicht ausbügeln kann. Es folgen Therapien aller Arten, die man früher nicht brauchte, bis hin zu einer steigenden Zahl von Kindern, die inzwischen medikamentös behandelt werden, weil man sie nicht mehr in den Griff bekommt. Stellen wir uns so die Zukunft unserer Familie vor? Dabei wäre es so einfach, die Weichen anders zu stellen und den Eltern Ruhe und Zeit zu verschaffen, damit sie später die Kinder mit gutem Gewissen in den staatlichen Kindergarten- und Schulbetrieb geben können mit der Sicherheit in der Hinterhand: Mein Kind ist darauf emotional gut vorbereitet.

Richtig ist zumindest die Entscheidung der Familienministerin, dass auch Eltern in Teilzeiterwerbstätigkeit in den Genuss von Betreuungsgeld kommen sollten. Denn es ist nicht einzusehen, warum diejenigen Mütter und Väter, die versuchen, im Beruf am Ball zu bleiben, die versuchen, trotz knapper Zeit noch ein bisschen dazu zu verdienen, abgestraft werden sollen. Es ist im Übrigen ein skandinavisches Modell, das die Ministerin da vorschlägt. Dort existiert eben so ein Betreuungsgeld schon sehr lange. In der Summe ist es dort deutlich höher als die 140 Euro, mit denen man die Eltern in Deutschland ruhig stellen will, das System ist aber das gleiche: Eltern, die die Betreuung der Kinder voll übernehmen, bekommen das Geld, das der Kitaplatz kosten würde, in hoher Summe ausgezahlt. Eltern, die auch teilweise arbeiten gehen, bekommen einen abgestuften Satz des Betreuungsgeldes. Na geht doch. Wieso ist dieses System für Deutschland nicht denkbar? Wir verweisen doch sonst immer gerne auf Skandinavien. Das einzige Problem aus Sicht der Politik ist, man müsste das Geld den Eltern direkt in die Hand geben, deswegen hat man in Deutschland Skrupel.

Wir misstrauen den Eltern in unserem Land. Wir gestehen ihnen auch keine Fehler zu. Wenn sie es – wider Erwarten – jedoch trotzdem gut hinbekommen mit der Kindererziehung, nehmen wir das geschaffene »Humankapital« aber gerne als künftige Steuerzahler an.

Birgit Kelle, Vorsitzende von Frau 2000 plus


zu "Fernhalteprämie"( Manuela Schwesig SPD)

Das geplante Betreuungsgeld von lächerlichen 150 Euro für die wertvolle bindungsintensive, mütterliche Betreuung eines Babys ist an sich schon eine Beleidigung für diejenigen Frauen, denen Kindeswohl über das Wohl des Arbeitsmarktes geht. Nun aber soll nach dem Willen unserer Familienministerin Kristina Schröder das versprochene Almosen bis zur Unwirksamkeit zermalmt werden. Die Begründung ist ebenso dreist wie verächtlich: die drei Milliarden fehlen! Wo sind sie denn geblieben? In Rettungsschirmen für Hanswurst-Staaten oder in der Rettung von Zockerbanken oder in der Subventionierung von Krippenplätzen mit 1000 Euro pro Monat für jedes 3. Kind im Lande. Frage: Was ist mit den anderen zwei Dritteln?


Weint nicht, ihr potentiellen Eltern! Hört einfach auf, Kinder zu zeugen! Ein Staat, der seine Mütter derart missachtet, dass er seinen Abgeordneten gestattet, als „Herdprämie“ oder „Fernhalteprämie“ ( Manuela Schwesig SPD) zu diffamieren, was als Anerkennung für Familienarbeit geplant war, der braucht weder achtsam und liebevoll betreute Kinder noch verantwortungsbereite Mütter. Ein Staat, der Eltern keinen verantworteten Umgang mit 150 Euro mehr zutraut und statt dessen Gutscheine ausgibt, der hat sein Ansehen bereits verspielt. Er braucht schlicht keine Eltern mehr, sondern nur noch Singles. Es erübrigt sich in dieser Situation schlicht und einfach, diesem Staat noch Kinder zu schenken!


Damit wäre unser demographisches Problem bereits im Jahr 2030 auch erledigt. Demokratisch hat sich unser Parlament durch seine wachstumsbesessenen und zukunftsblinden Abgeordneten längst selbst disqualifiziert!


Bärbel Fischer