Wo bleiben die guten Krippen?

Die Verarbeitung von Trennungsängsten gelingt nicht immer: Wissenschaftler ergründen, wie sich die Fremdbetreuung auf kleine Kinder auswirkt. Von Martina Lenzen-Schulte

Die Familienministerin nimmt ihr Kind mit ins Büro, es gibt dort schon einen Wickeltisch. Sie kümmert sich selbst und setzt daneben auf die Unterstützung der Großeltern. Frau Schröder bringt also ihr Kind nicht in die Krippe, deren Ausbau ihr als Politikerin so am Herzen liegt. Das ist verständlich, denn letztlich ist nicht ausgemacht, wie viel die frühe Erziehung außer Haus nützt oder schadet. Auf dem diesjährigen Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Bielefeld fiel die Bilanz eher ungünstig aus. Das zeigen nicht zuletzt die Ergebnisse der Stressforschung, die Carola Bindt, Kinder- und Jugendpsychiaterin an der Universitätsklinik Hamburg, vorstellte. Was Kinder stresst, ist längst nicht offensichtlich. Schon Anna Freud hatte dokumentiert, dass im Krieg Lebensmittelknappheit und Bombenalarm von Kindern vergleichsweise wenig bedrohlich empfunden wurden – solange nur die wichtigsten Bezugspersonen in der Nähe waren. Erst das Auseinanderreißen von Familien, etwa auf der Flucht, löste schwere Traumata aus. Vor allem die Wucht psychischer Stressfaktoren könne nicht hoch genug eingeschätzt werden, betonte Bindt: „Sie resultiert aus der Angst vor sozialer Zurückweisung, die eben so spezifisch ist für den Menschen.“

Die Belastung der Kleinsten in der Frühbetreuung kann man messen, Auskunft gibt das Cortisol-Tagesprofil. Der Pegel des Stresshormons steigt bei Gesunden in einem charakteristischen Muster auf und ab. Bei achtzig Prozent der Kinder in der Tagesbetreuung – sie erleben täglich neu den Wechsel von zu Hause zur Einrichtung – ist dieses Muster anhaltend verändert, deren Spiegel steigen pathologisch bis zum Abend stetig an. Dieser Stresseffekt kann durch gute Betreuungsqualität abgeschwächt, aber nicht aufgehoben werden. Er ist umso klarer nachzuweisen, je jünger die Kinder sind. Spuren dieser Belastung sind nicht nur Monate, sondern selbst Jahre später auszumachen. Noch die Cortisollevel von Teenagern sind umso höher, je länger sie außerhalb der Familie betreut wurden. Dennoch macht die Krippe nicht zwangsläufig krank. Das liegt zum einen an der Resilienz des Einzelnen, seiner Widerstandsfähigkeit, erklärte Bindt, denn: „Ein gewisses Ausmaß an Stress schädigt nicht jeden. Milder Stress kann sogar entwicklungsfördernd sein.“

Das liegt zum anderen auch an Art und Umfang der Krippenerfahrung, denn die Spanne, was die Qualität der Betreuung und die Dauer der Unterbringung angeht, ist groß, entsprechend unterschiedlich sind die Folgen. Jay Belsky von der University of California in Davis war nach Bielefeld gekommen, um die Eckdaten seiner inzwischen berühmten, aber in Deutschland wenig beachteten Langzeitstudie vorzustellen. Er hatte sich als Antwort auf die von Ideologien geprägten „Krippenkriege“ der siebziger und achtziger Jahre in den Vereinigten Staaten vorgenommen, hierzu eine methodisch möglichst unanfechtbare Studie in die Tat umzusetzen. 1364 Kinder wurden im Alter von einem Monat aufgenommen und regelmäßig untersucht, um an ihrem Schicksal die Auswirkungen der Kleinkindtagesbetreuung zu dokumentieren. 900 von ihnen standen immerhin noch im Alter von 15 Jahren für eine Beurteilung zur Verfügung. Geprüft wurde etwa, wie sich Quantität und Qualität der Betreuung im Alter von drei bis 54 Monaten auf die Kinder auswirkten. Eine hohe Betreuungsqualität, so fand man, lässt im Vergleich zu einer schlechten eine Verbesserung der geistig-kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten erwarten. Die Hoffnung, insbesondere Kindern aus schwierigen und bildungsfernen Familien somit durch langjährige Frühförderung eine bessere Ausgangsbasis vor dem Schulanfang zu verschaffen, trügt jedoch, denn die Dauer der Unterbringung in der Krippe trägt dazu nichts bei. Die Betroffenen haben im Gegenteil umso mehr andere Schwierigkeiten, je länger sie als Kleinkind in einer Gruppeneinrichtung verbrachten. Erzieher und Lehrer attestierten ihnen besonders häufig „Problemverhalten“. Das wollten Befürworter einer frühkindlichen Gruppenbetreuung jedoch nicht gelten lassen. „Immer wieder habe ich zu hören bekommen, diese Kinder seien nur ein wenig unabhängiger, durchsetzungsfähiger“, sagte Belsky. Aber solche Beschönigungen konnte sein Team widerlegen. Die Kinder waren nicht einfach nur schwierig, sie waren deutlich aggressiver, häufiger an Kämpfen beteiligt, fielen eher durch Gemeinheiten, Ungehorsam und Sachbeschädigung auf.

Dieser Befund war unabhängig von der Qualität der frühkindlichen Krippe, und er war bis ins Jugendalter zu erheben. Dann fielen die Langzeitbetreuten durch Alkoholkonsum, Diebstahl und Vandalismus auf. Allerdings ist die Wirkung frühkindlicher Fremdbetreuung im Guten wie im Schlechten insgesamt eher gering, sowohl was kognitive Leistungen als auch was das psychosoziale Verhalten betrifft: „Eigentlich wird der dominierende Einfluss der Familie durch unsere Studie untermauert“, hob Belsky hervor. Allerdings sei es möglich, dass auch solch schwache Veränderungen beim Einzelnen große Auswirkungen auf die Gruppendynamik haben. So stellte er eine Folgestudie vor, wonach in einer Schulklasse mit sehr vielen Kindern, die über lange Phasen in der Kindheit aushäusig in Gruppen betreut wurden, diese den anderen ihr Problemverhalten aufzwangen.

Wenn sich kognitive Leistungen überhaupt nur bei guter Betreuungsqualität steigern lassen, dann ist die Situation in Deutschland besonders negativ zu bewerten, denn es mangelt an guten Krippen. „Die Qualität der hiesigen Betreuungsangebote bleibt weit hinter den gesetzten Standards zurück“, monierte Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums in Bielefeld. Der Personalschlüssel wird deutlich unterboten, die Gruppen sind in der Regel unangemessen groß, nur drei Prozent der Erzieherinnen haben einen Bachelor-Abschluss und das Mischungsverhältnis der Altersgruppen ist ungünstig. Nicht nur Strukturen, auch Abläufe – etwa bei der Eingewöhnung der Kinder – lassen zu wünschen übrig. So wurde in einer Untersuchung aus dem Jahr 2007 nur zwei Prozent der deutschen Kinderkrippen eine sehr gute bis gute Qualität bescheinigt, zwei Drittel erhielten mittelmäßige Noten und ein Drittel den Stempel unzureichend. Nach einem effektiven Werkzeug zur frühen Förderung klingt das nicht. „Statt allein auf den Ausbau der Krippenbetreuung zu bauen, sollten alternative Fördermodelle eine Chance erhalten, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ohne Belastung der Kinder ermöglichen“, forderte Böhm. Das sind politisch denkbar unkorrekte Ansätze, sollen doch Krippenplätze bis 2013 flächendeckend mit einem Anspruch für alle ab dem ersten Lebensjahr zur Verfügung stehen. Zu viel Kritik am Ist-Zustand ist gegenwärtig jedoch derart verpönt, dass Böhm sogar der Hinweis auf interessengeleitete Beschönigungen in einem aktuellen wissenschaftlichen Aufsatz für die Fachzeitschrift „Kinderärztliche Praxis“ gestrichen wurde.

Der in freier Praxis tätigen Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer aus Hamburg war es vorbehalten, die wissenschaftlichen Ergebnisse in das Narrativ der Krankengeschichte einer Patientin zu übersetzen, die in der DDR wie alle Kinder eine Krippe besuchen musste. „Wir sehen solche Patienten immer öfter in unseren Praxen, aber gesellschaftlich ist es immer noch ein Tabu, das anzusprechen“, sagte Scheerer. Kennzeichnend für die Leidenskarrieren sei vor allem, dass die krankmachenden Umstände – Trennungsängste, mangelnde Zuwendung durch die Erzieherinnen und das stundenlange Sichselbstüberlassensein – selten als Auslöser für die heutigen Defizite im Gefühlsleben dieser Menschen erkannt würden. „Es war normal, wie bei allen“, so zitiert die Therapeutin die am häufigsten vorgebrachte Entschuldigung der Betroffenen wie auch ihrer Eltern. Gisela Kalz, die noch als Kinderärztin in der ehemaligen DDR praktizierte und inzwischen das Sozialpädiatrische Zentrum in Neuruppin leitet, bestätigte, dass bis heute die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser frühen Traumatisierungen zu wünschen übrig lässt. Dabei lassen allein die historischen Tatsachen erkennen, wie sehr die frühe Krippenbetreuung seinerzeit die Bedürfnisse der Mütter und Kleinkinder ignorierte: Zunächst wurde von etwa 1950 an die Parole ausgegeben, dass die Babys so früh wie möglich in die Krippe sollten, damit die Arbeitskraft der Mütter ungeschmälert zur Verfügung stünde. Nach und nach gewährte man jedoch aufgrund schlechter Erfahrungen der Kinder immer längere „Auszeiten“. So gab es von 1986 an Lohnfortzahlungen für zwölf Monate beim ersten und bis 18 Monate ab dem dritten Kind. Überdies sei vielen Kinderärzten die Not der Eltern und Kinder seinerzeit durchaus bewusst gewesen. Sie konnten sie zeitweise vor der Pflicht zur Gruppenverwahrung schützen, indem sie die Kinder „krippenuntauglich“ schrieben – eine Diagnose, die man weltweit in einschlägigen Krankheitsmanualen vergeblich sucht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.10.2011 Seite N1


 

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