Thema verfehlt – ungenügend!

Die Expertenkommission für den achten Familienbericht im Auftrag der Bundesregierung diagnostiziert: Zeitnot, Zeitdruck, Zeitwunsch der Eltern. Was empfiehlt Herr Professor Dr. Thüsing, Direktor des Instituts für Arbeitsrecht und Recht der sozialen Sicherheit, mit seinen Experten? Umverteilung von Zeit zwischen den Generationen. Genauer: Sechzig- bis Achtzigjährige sollen die Kinder betreuen und/oder die Hausarbeit erledigen. Mama und Papa können dann ohne Stress der Firma statt wie bisher nur in Teilzeit, endlich vollzeitig zur Verfügung stehen. Die Damen und Herren Experten sehen darin sogar eine „Win-win- Situation“ und ignorieren, dass für die Eltern nicht eine Minute mehr Zeit für die Familie herausspringt, sondern täglich 2 bis 4 Stunden weniger. Hier kann man mit Fug und Recht feststellen: Thema verfehlt – ungenügend!

Der Vorschlag zeigt aber zweierlei: 1. Familienarbeit darf nichts kosten. 2. der Zeitgewinn dient eben nicht der Familie, sondern der Arbeit und damit der Wirtschaft.

Ob die Kommission den Auftrag der Bundesregierung missverstanden hat, oder ob die ProfessorInnen einfach ausblenden, dass Kinder ein biologisches Anrecht auf die Präsenz ihrer Eltern haben, das sei dahingestellt. Was aber noch mehr zu denken gibt: Frau Kristina Schröder scheint ein Rezept zu billigen, das Eltern wie Kindern schadet und Familien krank macht.

Bärbel Fischer

Eltern brauchen mehr Zeit – na so was!

Der achte Familienbericht der Bundesregierung kommt zu einem höchst „erstaunlichen“ Ergebnis: Eltern wünschen sich mehr Zeit für die Familie. Ach, wer hätte das gedacht?! Frau Schröder leitet zudem daraus ab, auf Geld legten Familien weniger Wert. In den Ohren von Vätern und Müttern klingt solche Rede wie Hohn. Als ob nicht eines vom anderen abhinge! War es nicht gerade die Strategie einer Frau v.d. Leyen, durch Streichungen bei der Kindergelddauer, dem Wegfall der Eigenheimzulage und dem Ersatz des Erziehungsgeldes durch das fragwürdige Elterngeld, das Budget von Familien derart zu verknappen, dass Müttern heute gar nichts anderes übrig bleibt, als dazu zu verdienen? Wer weniger Geld hat, hat folglich auch weniger Zeit für seine Kinder. Umgekehrt: würden Familien pro Kind 1000 Euro ( wie die staatliche Krippenförderung ) in die Haushaltskasse bekommen, dann hätten Mütter /Väter Zeit genug für ihre Kinder. Auch die ministerialen Tricksereien mit flexibleren Arbeitszeiten ändern an der Dauer der Abwesenheit der Eltern nichts.

Doch um das Wohl von Kindern und Eltern geht es schon längst nicht mehr. Unsere Politik setzt andere Prioritäten. Die massenhaften, aus Steuergeldern finanzierten Krippenplätze ermöglichen der Wirtschaft, immer mehr Frauen und junge Leute zu Dumpinglöhnen zu beschäftigen. So kommt man der Niedriglohngesellschaft rapide näher. Krippenausbau ist somit das ideale Werkzeug, um dieses Planziel zu erreichen. Riecht das nicht verdächtig nach Sozialismus und DDR?

Bärbel Fischer

zu: Krippe: Kindergarten öffnet die Türen, Schwäbische Zeitung 19. 10. 2011

Der Tag der Offenen Tür der neu eingerichteten Kinderkrippe im Kindergarten St. Maria, Isny, steht bevor, und die freundlichen neuen Räume können demnächst besichtigt werden. Die interessierten Besucher werden sich aber fragen: Kann es wirklich sein, dass für zehn Kinder zwischen einem und drei Jahren nur zwei Erzieherinnen vorgesehen sind?

Der offizielle, europaweit geltende, und von Kinderärzten geforderte Betreuungsschlüssel sieht vor, dass eine Betreuerin höchstens für 2 Babys unter einem Jahr eingesetzt werden darf (Zwillingsbetreuung). Für Ein- bis Zweijährige sollten es maximal drei, für Zwei- bis Dreijährige maximal vier Kinder je Betreuerin sein. Demnach müssten in Isny wenigstens drei oder vier Betreuerinnen angestellt werden. Und was ist, wenn eine der beiden Erzieherinnen erkrankt, auf Fortbildung oder im Elterngespräch ist? Allein zehn Kindern die Windeln zu wechseln bedeutet einen täglichen Zeitaufwand von mindestens einer Stunde, in welcher die andere Kraft zehn schreiende Kleinkinder allein zu versorgen hat. Eine unzumutbare psychische Stressbelastung für Kinder und Erzieherin. Bleibt also die Frage: Wollen wir unsere Kinder wirklich einer solchen Belastung aussetzen? Leider kommt für viele Mütter aus finanziellen Erwägungen gar keine andere Lösung in Frage. Sie dürfen also nur zwischen zwei Übeln wählen. Und das macht Mütter fertig.

Nun sieht jeder ein: Kommunen wie Kirchengemeinden sind mit zusätzlichen Stellen weit überfordert. Sie können einfach nicht mehr Stellen bezahlen. Hier gehört eine politische Lösung her. Und die muss von den Rathäusern eingefordert werden.
Bärbel Fischer

Sehr geehrte Frau Dr. Maria Böhmer!

Zu den jüngsten Äußerungen von Frau Dr. Maria Böhmer, der Vorsitzenden der Frauen-Union, das geplante Betreuungsgeld lieber unbar und „gezielter den Müttern für den beruflichen Wiedereinstieg, die Rentenvorsorge oder für eine ergänzende Pflegeversicherung zukommen zu lassen“ :


Ich nehme Bezug auf Ihre jüngsten Äußerungen zum geplanten Betreuungsgeld (Focus online)


„Frauen, wir brauchen euch!“ tönt es uns aus Politik und Wirtschaft entgegen. Wir brauchen euch als gut ausgebildete Fachkräfte. Wir brauchen eure Kompetenzen, euer Talent, eure Kreativität. Tatsächlich: wir Frauen sind Alleskönner. Wir „stehen unseren Mann !“ als Apothekerin, Bäuerin, Lehrerin, Krankenschwester, Gastronomin, Journalistin, Bankangestellte, Verkäuferin. Wir organisieren, planen, entscheiden, verwalten riesige Summen. Kurz, wir sind autonom.


Sind wir aber Mutter geworden, und zu unserer Klugheit gesellt sich noch die Weisheit, unser Kind, unser höchstes Gut nicht vorzeitig in fremde Hände zu geben, sondern unsere Emotionalität 24 Stunden am Tag und jahrelang mit dem Kind zu teilen, dann ist auf einmal Schluss mit lustig! Wenn es darum geht, 150 Euro zu verwalten, zu entscheiden, wo und wie man das Geld am besten anlegt, oder wofür es ausgegeben wird, dann erklärt uns das politische Establishment für zu dumm, zu dämlich und für inkompetent. Dann wird über unsere Köpfe hinweg entschieden, wo man die lächerlichen 150 Euro „versteckt“, damit sie nicht etwa im Haushalt verschwinden. Die Gutscheinlösung scheint bei unseren Volksvertretern besonders beliebt zu sein.


Nun kommt das Argument, die „bildungsfernen Unterschichtfrauen“ würden das Geld für sich selbst verbrauchen, anstatt für die Bildung der Kinder. Nun frage ich Sie, warum die geplante staatliche Leistung Betreuungsgeld und nicht Bildungsgeld heißt? Doch, weil es für die mütterliche Betreuung gedacht ist. Die Erzieherinnen der Kita bekommen doch auch ihren Lohn (und keine Gutscheine)! Von Lohn kann bei dem lächerlichen Betrag von 150 Euro sowieso nicht die Rede sein, denn der Stundenlohn für die Mütter beträgt umgerechnet 62 Cent!


Um dieses Almosen geifern unsere Parlamentarier, wohl wissend, das jeder Krippenplatz den Steuerzahler 1000 Euro kostet. Um Gerechtigkeit geht es hier also nicht. Es geht, und Sie wissen das, auch gar nicht um Geld, sondern darum, den Müttern ihre Mutterschaft zu vergraulen. Schließlich sollen die Frauen ja eiligst wieder in die Betriebe, damit sie eine „ungebrochene Erwerbskarriere“ hinlegen. Und erst recht geht es nicht um das Wohl unserer Kinder. Denn sonst würde man den Müttern genügend Familienzeit und ein entsprechendes Auskommen gönnen.


Werte Frau Dr. Böhmer, wie tief sollen wir Mütter denn noch erniedrigt werden? Würden Männer das tun, so würde man sie als eingefleischte Machos verachten. Aber es sind ja gerade Politikerinnen wie Sie, Frau v.d. Leyen, Frau Schwesig und viele andere, die uns Mütter demütigen. Ist das Solidarität unter Frauen? Sind das die hehren Ziele der Gleichberechtigung? Vielleicht befasst sich die Gleichstellungspolitik einmal mit der Ungleichbehandlung unter Frauen und der Diskriminierung von jungen Müttern. Da gibt es viel zu tun, Frau Dr. Böhmer!


Daher möchte ich Ihnen, als der Vorsitzenden der Frauen-Union, dringend ans Herz legen, die Autonomie von uns Müttern ( Ihren Wählerinnen) wieder ernst zu nehmen, uns zu achten und zu ehren Denn nach unserer Auffassung ist es nicht damit getan, Kinder nur in die Welt zu setzen. Sie müssen auch in ihren humanen Bedürfnissen geachtet werden. Und sie haben den biologischen Anspruch auf Zeit und Zuwendung ihrer Eltern.


Es grüßt Sie zornig, aber zuversichtlich

Bärbel Fischer

im Auftrag der ELTERNINITIATIVE für FAMILIENGERECHTIGKEIT im Landkreis Ravensburg





zu "Verdummungsprämie"

Jörg Dräger, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmannstiftung, bezeichnet das geplante Betreuungsgeld für Vollzeitmütter als „Verdummungsprämie“ für die Kinder.

Dazu folgende Kommentare:

Sehr geehrter Herr Draeger,

mit großem Interesse habe ich die gestrige Sendung „Glaubenskrieg Kinderbetreuung“ ( 23. 10. 2011 ) verfolgt.

Ich kriege schon die Krise, wenn das Wort „Rabenmutter“ bemüht wird, um einen vermeintlichen Krieg der Familienmodelle herbeizureden. Es gibt keine Rabenmütter, und es gibt keinen Krieg. Es geht einzig und allein darum, dass Familienfrauen gegenüber berufstätigen Müttern nicht benachteiligt werden dürfen. D. h., es kann auch nicht um lächerliche 150 Euro gehen, sondern um ein Betreuungsgeld in Höhe der staatlichen Krippensubvention pro Kind und Monat.

Dass in Deutschland Kinder heute schon nach wenigen Monaten out-gesourcet werden müssen, wird oft mit der Notwendigkeit „frühkindlicher Bildung“ beschönigt. Die hässliche Wahrheit ist aber, dass Müttern keine Zeit für Familie mehr bleibt, denn sie müssen sich ihr Brot und ihre Altersversorgung mühsam zusätzlich und trotz ihrer Verantwortung für leibliche Kinder erwirtschaften. Kindererziehung in der Familie hat hierzulande nämlich einen NULLWERT im ( tunlichst verschwiegenen ) Gegensatz zu Frankreich und den skandinavischen Ländern, die ein anständiges Betreuungsgeld (keine Herdprämie, dieses Unwort gibt es übrigens auch nur in Deutschland! ) zahlen, weil sie nach überaus traurigen Erfahrungen mit Krippenkindern den Wert einer funktionierenden Familie wieder hochschätzen. Sie, Herr Draeger, nennen ja das Betreuungsgeld schneidig eine „Verdummungsprämie“. Leider können wir erst in ein paar Jahren feststellen, welchen Verdummungseffekt die stressbelastete Krippenbetreuung auf den Intellekt der zu früh getrennten Kinder hatte.

Eines aber ist erwiesen, dass unsere deutschen Geistesgrößen allesamt unter mütterlich-liebender Fürsorge zu dem wurden, was sie sind.

Bärbel Fischer



Wer verdummt hier wen?


Wenn Herr Draeger von der regierungskonformen Bertelsmannstiftung das geplante Betreuungsgeld für Vollzeitmütter eine „Verdummungsprämie“ nennt, dann wird der Zuschauer hellhörig und misstrauisch. Schon wieder ein Unwort? Wozu? Reicht etwa die Gehirnwäsche zugunsten der frühen Krippenbetreuung noch immer nicht aus, um alle Mütter aus den Kinderzimmern und in die Betriebe zu jagen? Sind etwa immer noch nicht alle offenen Stellen mit billiger Frauenarbeit besetzt?


Wo es bisher nicht gelang, Mütter mit wohlklingenden Phrasen wie „Selbstverwirklichung“ und „Emanzipation“ aus dem Haus zu locken, so versucht man es nun eben mit der Schreckensbotschaft „Verdummung“, die den Kindern unter mütterlicher Betreuung angeblich droht.


Aber, Herr Draeger, so primitiv lassen sich Mütter nicht „verdummen“, auch nicht von Ihnen! Mütter merken genau, wie der Hase läuft. Frauen WOLLEN gar nicht Familie und Karriere gleichzeitig, sondern nacheinander. Aber nach dem Willen des Arbeitsmarktes SOLLEN sie, zum Teufel nochmal, gleichzeitig beides! Früher nannte man das Sklaverei!


Bärbel Fischer


 

Schlüsselproblem: Pflege

Daniel Bahr hat recht. Das Konzept der Pflegeversicherung war von Anfang an, und ist auch in seiner heutigen Form extrem untauglich. Nur erkennt der FDP-Gesundheitsminister die wahre Ursache nicht. Dass zu wenig Geld in der Pflegekasse ist, liegt nämlich nicht nur daran, dass wir immer älter werden und die Zahl der Beitragszahler stark schrumpft, sondern dass eine breite Bevölkerungsschicht sich am Lastenausgleich gar nicht beteiligt.

Bei der Einführung der Pflegeversicherung ging man davon aus, dass die meisten Erwachsenen eine Familie gründen, und der Nachwuchs sowohl die Beiträge als auch den Pflegedienst übernehmen würde. Diese Annahme hat sich aber nicht bestätigt. Heute leben nur noch in 32 % aller Haushalte Kinder. Viel zu viele Zeitgenossen, und es werden immer mehr – haben sich Kinder, und damit die Ausgaben für deren Fortkommen, erspart und sich statt dessen ein sehr, sehr auskömmliches Leben geleistet. Auch wenn kinderlose Arbeitnehmer aufgrund des BVG-Urteils von 2001 den lediglich um 0,25 % ( ! ) erhöhten Beitrag in die Pflegekasse einzahlen, ohne die Alimentierung durch die Kinder ihrer Nachbarn und die Erziehungsleistung von deren Eltern müssten sie im Pflegefall komplett „in die Röhre gucken“. Gerade weil die Kinderlosen sich nicht auf die Pflege von Nachkommen stützen können, werden sie alternativlos die teure professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Wer aber soll das bezahlen?

Kinderlosigkeit, ob schicksalhaft oder gewählt, hat eine belastende Wirkung auf unser vereinbartes Umlagesystem aus der Ära Adenauer. Nach soliden Berechnungen handelt es sich um ca. 270 000 Euro, welche die Eltern aus eigener Tasche in jedes ihrer Kinder investieren. Aufgrund der nachwuchsvergessenen Struktur unseres sog. Generationenvertrags müssen sich kinderlose Mitbürger nicht an den Kinderkosten beteiligen, obwohl sie bei Rente und Pflege genau auf diese Kinder angewiesen sein werden. Die Unterhaltskosten für Kinder werden bis heute den Eltern allein aufgebürdet. Alterskosten werden hierzulande sozialisiert (Umlage), Kinderkosten aber privatisiert (Privatvergnügen / Hobby!).

Das Umlagesystem bewirkt also, dass jene, die Kinder großziehen, überproportional belastet werden, ihre eigene Pflege im Alter aber auf dem Spiel steht. Auch wenn die Familienministerin mit ihrem kostenneutralen Teilzeitmodell die Familienpflege stützen will, das Grundproblem ist damit nicht gelöst, dass nämlich die Verursacher der Krise bisher von einem Lastenausgleich verschont geblieben sind. Freilich freuen sich die Eltern, wenn ihre Kinder ihnen im Alter beistehen. Im Endeffekt aber nimmt die Familie der Gesellschaft wiederum eine Last ab, die diese über die Umlage zu tragen versprochen hat.

Es gäbe mehrere Modelle, Kinderlose stärker an den Sozialkosten zu beteiligen:

Bärbel Fischer

zu "Fernhalteprämie"( Manuela Schwesig SPD)

Das geplante Betreuungsgeld von lächerlichen 150 Euro für die wertvolle bindungsintensive, mütterliche Betreuung eines Babys ist an sich schon eine Beleidigung für diejenigen Frauen, denen Kindeswohl über das Wohl des Arbeitsmarktes geht. Nun aber soll nach dem Willen unserer Familienministerin Kristina Schröder das versprochene Almosen bis zur Unwirksamkeit zermalmt werden. Die Begründung ist ebenso dreist wie verächtlich: die drei Milliarden fehlen! Wo sind sie denn geblieben? In Rettungsschirmen für Hanswurst-Staaten oder in der Rettung von Zockerbanken oder in der Subventionierung von Krippenplätzen mit 1000 Euro pro Monat für jedes 3. Kind im Lande. Frage: Was ist mit den anderen zwei Dritteln?


Weint nicht, ihr potentiellen Eltern! Hört einfach auf, Kinder zu zeugen! Ein Staat, der seine Mütter derart missachtet, dass er seinen Abgeordneten gestattet, als „Herdprämie“ oder „Fernhalteprämie“ ( Manuela Schwesig SPD) zu diffamieren, was als Anerkennung für Familienarbeit geplant war, der braucht weder achtsam und liebevoll betreute Kinder noch verantwortungsbereite Mütter. Ein Staat, der Eltern keinen verantworteten Umgang mit 150 Euro mehr zutraut und statt dessen Gutscheine ausgibt, der hat sein Ansehen bereits verspielt. Er braucht schlicht keine Eltern mehr, sondern nur noch Singles. Es erübrigt sich in dieser Situation schlicht und einfach, diesem Staat noch Kinder zu schenken!


Damit wäre unser demographisches Problem bereits im Jahr 2030 auch erledigt. Demokratisch hat sich unser Parlament durch seine wachstumsbesessenen und zukunftsblinden Abgeordneten längst selbst disqualifiziert!


Bärbel Fischer


zu: Schwäbische Zeitung: "Ohne Frauen geht gar nichts“, 7. 10. 2011

Ob Frau v.d. Leyens Aufschrei „ Ohne Frauen geht gar nichts“ und: „Frauen gebt Gas, der Fachkräftemangel ruft! “ junge Mütter mit fliegenden Fahnen in die Jobcenter treibt, sei dahingestellt. Vielleicht träumt die ehemalige Familienministerin davon, dass unser ( politisch selbst verschuldeter ) Fachkräftemangel den Frauen so sehr ans Herz geht, dass sie lieber Haus, Hof und Kinder verlassen, als das Wachstum unserer Wirtschaft zu gefährden. Kurzum, man buhlt mit allen Mitteln um die billige Arbeitskraft der Frauen. Insofern wächst den Frauen heute eine ungeahnte Macht zu, bestehende Unrechtsverhältnisse zu ändern. Gäbe es eine Frauengewerkschaft, sie würde sofort fordern: Erst gleiche Löhne für gleiche Arbeit, dann lassen wir mit uns reden. Gäbe es eine Müttergewerkschaft, dann hieße die Forderung: Erst ein Erziehungsgehalt und damit Wahlfreiheit, dann entscheiden wir uns.

Mit den entsprechenden Bündnissen hätten es die Frauen heute selbst in der Hand, ob sie sich weiterhin ausnutzen lassen oder ob sie endlich ihr Recht einfordern.

Bärbel Fischer

Sehr geehrte Frau Renate Schmidt

Sehr geehrte Frau Familienministerin a. D. Renate Schmidt!

Der neuesten Ausgabe von DFV-Familie entnahmen wir Ihren Beitrag aus der Bertelsmann-Broschüre: „Familienpolitik im 21. Jahrhundert“

Sie haben recht: Die Alleinverdienerfamilie hat ausgedient. Aber nicht weil sie untauglich war, sondern weil heute die Einkommen der Eltern viel zu niedrig, und die Sozialabgaben viel zu hoch sind. Die deutschen familienpolitischen Gegebenheiten, sprich: die verweigerte finanzielle Honorierung elterlicher Erziehungsarbeit, zwingen beide Eltern in den Erwerb. Bis ins vorletzte Jahrzehnt war es ein Vorteil für die Familien, dass die Mütter von Erwerbsarbeit freigestellt waren, um sich ganz um die Kinder kümmern zu können ( und nicht etwa, um den Männern den Rücken frei zu halten, wie man feministisch argumentiert). Diese Organisation ersparte den Kindern den täglichen Umzug von einem Aufenthaltsort zum anderen, den täglichen Bruch von einer Beziehungsperson zur anderen, den lauten Kantinentisch, das tägliche Heimweh nach Mama und Papa und die Wut, beiseite geschoben worden zu sein. Sie ersparte aber auch den Eltern den morgendlichen Übergabe-, und den abendlichen Abholstress. Bis zur psychischen Erschöpfung addieren sich tagtäglich die beruflichen und familiären Ansprüche für die Eltern.

Dass die finanziellen Möglichkeiten einer Familie immer mehr schrumpfen ist kein unabänderliches Schicksal, sondern eine Frage der Politik, die bislang unfähig ist, Familienarbeit so zu bewerten, wie es erforderlich wäre. Kein Kind müsste in Armut geraten, keiner Mutter blühte Altersarmut, wenn Familienarbeit als geldwerter Beitrag zu unseren Sozialsystemen oder durch ein Erziehungsgehalt anerkannt würde. „Es kann doch nicht darum gehen, die Erwerbsquote von Müttern zu erhöhen, damit sie als die Opfer des Sozialstaats die Folgen ihrer Diskriminierung selbst „wegarbeiten“, wie es die Bundesregierung will. Sie ruft Eltern auf, mehr (bezahlt) zu arbeiten, anstatt die ungerechtfertigten staatlichen Belastungen von Familien abzubauen. Im Koalitionsvertrag 2002 heißt es: „Wir werden Eltern dabei unterstützen, durch Erwerbsarbeit ihren Unterhalt selbst zu verdienen, damit sie wegen ihrer Kinder nicht von Leistungen der Sozialhilfe abhängig werden.“ Kein Wort zum Unrecht gegenüber der Mehrzahl der Familien, die nicht sozialhilfeberechtigt sind und denen der Steuer- und Abgabenstaat noch nicht einmal das steuerrechtliche Existenzminimum belässt“. (Dr. Clemens Christmann)

Mit einem Erziehungsgehalt hätten wir tatsächlich ein brauchbares Doppelverdienermodell ( Erwerbsarbeit + Familienarbeit ) unter Wahrung des Kindeswohls. Allein darum geht es. Hier schreien die Feministinnen laut auf, denn das Kindeswohl bedeutet ihnen null und nichts, das vermeintliche Frauenwohl dagegen alles! Ohne Sorge um materielles Auskommen könnten dagegen Eltern sich für weitere Kinder entscheiden. In freier Wahl könnten sie selbst entscheiden, welches Familienmodell für sie am besten passt.

Allerdings wollen Politik und Wirtschaft die freie Wahl eines Familienmodells verhindern, weil es ihnen allein darum geht, möglichst viele gut ausgebildete Frauen in (billiger)Erwerbsarbeit und als Steuerzahlerinnen zu sehen. Dies gelingt am besten durch Verknappung der Mittel. Auch die Drohkulisse Altersarmut zeigt ihre Wirkung. Mit Schmeicheleien wie „Selbstverwirklichung“ und „Emanzipation“ lassen sich kluge Frauen heute allerdings nicht mehr ködern. Hilfreich ist aber auch, wenn man sie als „Heimchen am Herd“ verspottet, sollten sie ihre Kinder selber erziehen wollen. Oder man macht ihnen den Vorwurf, sich dem Wachstum unserer Wirtschaft zu verweigern. Irgendwie werden die Frauen schon weichzuklopfen sein! Irgendwie müssen sie ihre Sklavenrolle annehmen, denn eine freie Entscheidung für ihr Modell FRAU ist in weite Ferne gerückt.

Uns ärgert maßlos, dass man es hierzulande als gottgegebenes Schicksal hinnimmt, dass
– Frauen bei gleicher Arbeit weniger verdienen als Männer
– Mütter nach der Familienzeit keine adäquaten Arbeitsplätze mehr vorfinden
– Mütter sich trotz unermüdlichem Einsatz für die nachfolgende Generation mit einer Minirente begnügen müssen
– immer mehr Kinder unter die Armutsschwelle rutschen
– Jungen die Verlierer unseres Bildungssystems sind
– sich Mütter mit 300 Euro Elterngeld begnügen müssen, weil sie mehrere Kinder zu betreuen hatten.

Frau Schmidt, die beschriebenen Zustände sind nicht in Stein gemeißelt. Hier ist die Politik so verantwortlich wie gefordert! Und sie kann die Verhältnisse ändern – wenn sie nur will.

Ihre und die Ratschläge Ihrer Nachfolgerinnen, auf mehr Vereinbarkeit und daher auf mehr außerfamiliäres Kinderleben zu setzen, sind so familienfeindlich wie uneffektiv, wie man leicht an den Geburtenziffern ablesen kann. Ja, wir nennen diese sogar antiquiert. Denn die Skandinavier und die Franzosen sind längst weiter als wir „tumben teutschen“! Aus schlechten Erfahrungen mit entmutterten depressiven oder gewalttätigen Jugendlichen haben sie längst den Rückwärtsgang eingeschlagen und zahlen den Eltern für persönliche Betreuung lieber ein üppiges Betreuungsgeld, als jahrelange therapeutische Behandlung mit geringen Erfolgsaussichten. Mütterliche Präsenz und Bindung in wenigstens den ersten 3 Jahren zahlt sich in jedem Fall aus. Wollen wir alle Fehler unserer europäischen Nachbarn wiederholen?

Damit, sehr geehrte Frau Schmidt, hoffen wir, Ihnen den Standpunkt unzähliger Familien vorgestellt zu haben. Sie alle bekommen in Deutschland für ihre Familienarbeit keinen einzigen Cent, während erwerbstätige Mütter die „Aufbewahrung“ ihrer Kinder mit ca. 1000.- Euro subventioniert bekommen. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie zu einem Sinneswandel bereit wären und sich im Sinne der wissenschaftlichen Erkenntnisse für ein Kinderleben in Sicherheit und Geborgenheit bekennen würden. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/1439762/Der-Weg-zum-Superkind
Wir haben den Atomausstieg geschafft, wir werden auch den Ausstieg aus der Entfamilisierung schaffen.

Für die ELTERNINITIATIVE für FAMILIENGERECHTIGKEIT im LANDKREIS RAVENSBURG grüßt Sie zuversichtlich
Bärbel Fischer

Wenn die Ehe zum Verhältnis wird

Familie und Neoliberalismus

Die Fixierung aller Arbeit auf Erwerbsarbeit drängt die Familienarbeit ins Aschenputteldasein. Unser Verständnis von Familie nähert sich den neoliberalen Gewohnheiten auf dem Arbeitsmarkt.

Von Norbert Blüm. (Der Autor war von 1982 bis 1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung)

Flexibilität und Mobilität, die Hauptworte des neoliberalen Mainstreams, sind inzwischen auch im Familienrecht angekommen. Alles ist vorübergehend. Beständigkeit stört.

Wie weit die Erosion der Familie fortgeschritten ist, zeigt sich weniger an der Fassade des Hauptgebäudes, als im Verfall, der sich in den hinteren Zimmern ereignet. Das Scheidungsrecht und seine höchstrichterliche Anwendung entlarven die Position der Familie in unserer Gesellschaft deutlicher als es der feierlich-offiziellen Familienpolitik lieb ist.

Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes, die kürzlich ergangen ist, soll eine geschiedene Mutter wieder Vollzeit erwerbstätig werden, nachdem das Kind drei Jahre alt geworden ist. Die Mutter hatte bisher nur halbtags gearbeitet. Das genügte dem Gericht nicht, um den Unterhaltsanspruch gegenüber dem Vater zu rechtfertigen. Drei Jahre räumt das Gericht der Mutter zur Betreuung ihres Kindes ein, dann soll das Kind der Fremdbetreuung überstellt werden.

So weit, so schlecht. Welche Vorstellung von Familie, Gesellschaft und Staat verbirgt sich hinter diesem Urteil unserer höchsten Richter? Normal soll fortan sein, dass Kindererziehung Sache der Öffentlichkeit ist. Der private familiäre Raum ist nicht mehr der Hauptort der Erziehung. Das stellt allerdings die Vorstellung des Grundgesetzes auf den Kopf. Dort heißt es in Artikel 6: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“. Von einer Einschränkung auf die ersten drei Jahre des Kindes ist im Grundgesetz nicht die Rede. Aus dem „zuvörderst“ wird jetzt ein „fürs erste“ (drei Jahre) und „vorübergehend“ (drei Jahre).

So fällt von der Regelung der Scheidungsfolgen ein Licht auf das, was wir als Normalität ansehen sollen. Das Unterhaltsrecht im Scheidungsfall ist das trojanische Pferd zur staatlichen Eroberung der Familie. Das Elternrecht auf Erziehung gilt nur ersatzweise. Die Familiengerichte haben ihre heimtückische Fracht mitten in der Kernzone der Familie entladen: der Erziehung. Das Wirtschaftliche dominiert jetzt auch das Familiäre. Erwerbsarbeit gilt als die höchste Form der Selbstverwirklichung.

Die „geschiedene Mutter mit Kind“ soll im gleichen Maße erwerbstätig werden wie der „geschiedene Vater ohne Kind“. Erziehungsarbeit ist offenbar aus höchstrichterlicher Sicht keine Arbeit. Arbeit hat offenbar nur auf dem Arbeitsmarkt Platz, in der Familie wird sie nicht gezählt. Die Mutter, die ihr Kind über die Altersgrenze von drei Jahren hinaus selbst erziehen will, muss dies mit Gründen darlegen. Das Familiengericht schaut zu. Die Mama hat die Beweislast, dass ihr Kind sie braucht. Es gilt: Im Zweifel für die Fremdbetreuung. Zwei Wegweiser, die das Gericht errichtet hat, zeigen, in welche Richtung es geht:

1. Der eigentliche Erziehungsort ist nicht die Familie. Die Distanz zwischen Kreißsaal und Krippe, Kita, Vorschule muss deshalb verkürzt werden. Wenn dann schließlich das Schulalter erreicht wird, soll eine Ganztagsschule in „Vollzeit“ die Kinder erziehen. Die Familie bietet nur noch das abendliche Rahmenprogramm. Es findet auf diesem Wege eine Enteignung der Kindheit statt. Geschwister, Spielkameraden, Nachbarn, Vereine, bisher Hauptakteure der Sozialisation, schrumpfen zu nostalgischen Reminiszenzen. Die Kinder werden verstaatlicht und für die ersten Lebensjahre den Eltern ausgeliehen, allerdings nur, solange die Eltern sich vor den Augen der Jugendfürsorge gut führen. Die Erziehungsprofis wissen es besser als die Eltern, die nur pädagogische Amateure sind. Die 20-jährige ledige Erziehungsexpertin erklärt der 30-jährigen Mutter, wie sie ihr drittes Kind erziehen soll.

2. Der Königsweg der Emanzipation der Frau führt über die Erwerbsarbeit. Alles andere sind Sackgassen, die beim „Heimchen am Herd“ landen. Diese Karikatur ist das bemitleidenswerte Spottobjekt der Feministen. Die Mutter ohne Erwerbsarbeit ist in der emanzipatorischen Hack- und Prestigeordnung ein beschädigtes Menschenwesen.

Es gehört zu den progressiven Paradoxien der Frauenbewegung ebenso wie der Linken, nachdem sie die Erwerbsgesellschaft als repressive Leistungsgesellschaft gebrandmarkt haben, anschließend nicht zu ruhen und zu rasten, bis auch die letzte Mutter endlich in diese Erwerbstätigkeit integriert, ggf. auch, gezwängt wird, um sie sodann zusammen mit den Männern wieder daraus zu befreien. Also „rein!“, um „rauszukommen“. Das ist eine artistische Dialektik ohne Bodenberührung.

Lesen Sie auf Seite zwei: Gegen Männer-Privilegien, für partnerschaftliche Solidarität

Damit keine Verwechslung mit dem Dominanzgehabe männlicher Arroganz aufkommt, will ich klarstellen, dass ich gegen jedwede Privilegierung der Männer und gegen jedwede Diskriminierung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt bin. Sowohl im Zugang zum Aufstieg wie in der Entlohnung gibt es schreiende Benachteiligungen der Frauen. Männer halten es dank jahrhundertelanger Übung noch immer für eine Schwerbeschädigung ihres Männerstolzes, einer Frau „als Vorgesetzter“ folgen zu müssen.

Das alles lehne ich ab und bekämpfe es mit anderen. Zurück zum alten Patriarchat geht es nicht, in welchem bekanntlich der Mann Chef und Weisungsbefugter in allen Lebenslagen war, von dessen Genehmigung sogar die Erwerbsarbeit der Ehefrau und die Letztentscheidung in Erziehungsfragen abhing. Ich träume eher von einer geschwisterlichen Welt mit einem Minimum von Herrschaft und einem Maximum von Partnerschaft.

Die heimliche Heimstatt für diese subversive Utopie könnte jene Familie sein, in der nicht Autonomie als Summe der individuelle Selbstsucht, sondern partnerschaftliche Solidarität geübt wird, die nichts anderes ist als die Liebe in Normaltemperatur. Dazu gehört auch das freie Wechselspiel zwischen Familienarbeit und Erwerbsarbeit, das von den Ehepartnern frei – ohne Rangordnung und Einrede von außen – vereinbart wird. Ob mit einem oder zwei Einkommen eine Familie ihren Haushalt finanziert, ist sicher auch eine Frage der materiellen Umstände. Ob jedoch ein oder zwei Einkommen bezogen werden, verändert allerdings nicht die Grundtatsache, dass Kinder immer die Lebensführung der Eltern auch materiell einschränken. Das muss ein Familienlastenausgleich mindern, kann es aber nicht wettmachen. Eltern machen diesen Nachteil gegenüber Kinderlosen durch ein unentgeltliches Einkommen wett, das in dem Glück besteht, Mutter oder Vater zu sein. Kinder sind kein Unfall, der durch staatliche Entschädigung ausgeglichen werden muss, sondern ein Reichtum, der nicht bezahlt werden muss.

Die Fixierung aller Arbeit auf Erwerbsarbeit drängt die Familienarbeit ins Aschenputteldasein. Unter dieser Entwürdigung leiden die Hausfrauen und Mütter am meisten. Die Glückskommissare, für die alle Wege der Emanzipation über die Erwerbsarbeit der Frauen führen, entsprechen damit, wie jüngste Untersuchungen der Roman-Herzog-Stiftung ergaben, keineswegs den Befindlichkeiten aller erwerbstätigen Mütter. Ich wünsche mir eine Lohn- und Steuerpolitik, in der junge Familien nicht auf zwei volle Erwerbseinkommen angewiesen sind, wenn sie ihre Familie angemessen unterhalten wollen. Das gäbe der Familienarbeit einen größeren Zeitraum.

Das Verständnis der Ehe nähert sich immer mehr den neoliberalen Gewohnheiten auf dem Arbeitsmarkt an. Das Elternrecht auf Erziehung ist zunächst ein befristetes Arbeitsverhältnis, später Leiharbeit. Die Kündigungsfristen werden hier wie da minimiert, am liebsten eliminiert. Sozialpläne wie Unterhalt sollen möglichst entfallen. Das Eheverhältnis wie das Arbeitsverhältnis hat keine Nachwirkung. Beide sind Projekte, die nicht auf Dauer angelegt sind, deshalb kann auf Treue ebenso wie auf Fürsorge verzichtet werden. Das alles ist nur eigensinniges Gehabe, das der Emanzipation im Wege steht.

Arbeitsrecht und Familienrecht können aus neoliberaler Perspektive fusioniert werden. Das schafft wirtschaftliche Synergieeffekte. Der mobile, flexible Ehepartner ist die Schattenfigur des mobilen, flexiblen Arbeitnehmers. Die Ehe auf Lebenszeit muss der Lebensabschnittspartnerschaft ebenso weichen wie das ehemalige Normalarbeitsverhältnis dem befristeten Arbeitsvertrag. Alle Bindungen sind „vorübergehend“, alle Beziehungen werden ausgedünnt. Nur nicht festlegen. Es könnte ja noch eine Bessere, ein Besserer oder etwas Besseres kommen. Der Optimierer seiner Lebenschancen ist ein Mensch, der sich ständig in Lauerstellung befindet, um die nächste bessere Gelegenheit nicht zu verpassen.

Weiter auf Seite drei: Wie soll unter prekären Verhältnissen eine Familie gegründet werden?

Das Optimum der Freiheit ist demnach das Maximum von Wahlmöglichkeiten. Insofern sind Ehe und Familie eine erhebliche Freiheitseinschränkung, denn sie engt die Alleinbestimmung ein. Wenn jedoch zur Freiheit die Selbstverwirklichung durch Verantwortung gehört, sind Ehe und Familie nicht „weniger“ sondern „mehr“ Selbstverwirklichung. Freiheit ohne Bindung ist das Programm eines auf die Spitze getriebenen Individualismus, der nur noch sich selbst kennt. Damit ist der Idiot der Prototyp des Neoliberalismus.

Als Vorprogramm der Mobilisierung und Flexibilisierung dient die Aus- und Verdünnung aller Lebensverhältnisse. Was dünn ist, biegt sich besser und bewegt sich schneller. Jede achte Ehe vollzieht sich bereits in Fernbeziehung. Die von den Ehepartnern geforderte Mobilität verhindert das Zusammenleben der beiden. Sie arbeitet in Berlin, er in München. Telepathie ersetzt Treue und ebnet der Ehe auf Probe den Weg. Die familienfeindliche Mobilität wird flankiert durch die ebenso rabiate Flexibilität. Kein Wochentag ist mehr arbeitsfrei. „Sie“ hat montags ihren „Sonntag“. „Er“ freitags. Feste arbeitsfreie Tage gibt es so wenige wie Festtage. Auch der Sonntag ist Alltag. Mutter, Vater und Kinder treffen sich nur noch im Vorbeigehen. Die Familie ist eine Transithalle. Einen gemeinsamen Tisch gibt es nur noch als Möbelstück.

Der moderne flexible Arbeitnehmer ist ein Jobhopper. Jeder zweite Arbeitnehmer unter 25 Jahren hat keinen normalen Arbeitsvertrag, sondern arbeitet in prekären Arbeitsverhältnissen – befristet, als Leiharbeiter, als Praktikant, auf Probe und so weiter. Wie soll unter diesen Bedingungen eine Familie gegründet werden, die auf halbwegs verlässliches Einkommen angewiesen ist? Nichts ist mehr verlässlich in Ehe und Arbeit.

Als Schutz vor überraschenden Trennungsfolgen empfehlen gutmütige Mitbürger, die das Schlimmste verhindern wollen, die Kündigungsmodalitäten vor Antritt der Ehe und vor Abschluss des Arbeitsverhältnisses zu vereinbaren. Bei Ehe und Arbeit sollen also vorsorglich schon die Bedingungen der Beendigung notariell im Beginn antizipiert werden. Vorauseilende Kapitulation begleitet den Anfang aller Bindungen auf Arbeits- und Ehemarkt. Das ist die Abdankung jedweder Verlässlichkeit.

Die Börse ist die perfekte Optimierung aller Beziehungsvermittlungen. Optimales Anlegen ist permanentes Wechseln der Anlage. Die Börsenwahl ist inzwischen perfektioniert. Der klassische Aktionär verband mit seiner Anlage ein längerfristiges Engagement mit dem Unternehmen, das er mit Kapital versorgte. Der High-Speed-Trader wechselt im Sekundentakt. Der Computer übernimmt blitzschnell alle Reaktionen auf die Kursbewegungen, damit auch nicht Bruchteile von Sekunden bei der Wahl des besten Angebots verloren gehen. 0,001 Sekunden benötigt der Hochfrequenzhandel für sein Geschäft. Das nenne ich die Perfektionierung der Optimierung. Sie macht den Menschen als Entscheidungsträger überflüssig.

Damit ist von dem ganzen Geschäft der Vorwand der Freiheit weggerissen und hinter dem Vorhang erscheint die blanke Fratze der Geldgier. Aktienmarkt, Arbeitsmarkt und Heiratsmarkt nähern sich an. In allen drei Märkten geht es um Beschleunigung: Vorteilsversuchung durch Erhöhung der Transaktionsfrequenz.

Ehe- und Arbeitspartner sollen offenbar wie Schnäppchenjäger agieren. Der ist bekanntlich kein Stammkunde, sondern ein vagabundierender Nutzenmaximierer, dessen Hauptberuf die Vorteilskalkulation ist. Der Abbau der Institutionen, zu denen Ehe- und Arbeitsvertrag gehören, ist die Quelle von Unsicherheit und Angst, welche die neoliberalen Kulturrevolutionäre befördern.

PS: Es war das Ziel der maoistischen Kulturrevolution, die Ehe zum Verschwinden zu bringen. Zwei Wochen und vier Dollar sollten nach dem Willen der Kulturrevolutionäre genügen, um die Eheauflösung zu bewerkstelligen. Schon vor Mao hatte Karl Marx im kommunistischen Manifest dem Kapitalismus fast bewundernd bestätigt: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung mit nüchternen Augen zu sehen“. Schafft der Kapitalismus, was Marx und Mao nicht geschafft haben? Dann wären die Neoliberalen überraschenderweise die Testamentsvollstrecker des Marxismus.

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/meinung/wenn-die-ehe-zum-verhaeltnis-wird/4657024.html