Volkskrankheit Kinderarmut

Herrn Caritasdirektor                                                                                                     Wolfgang Tripp                                                                                                                 Diözese Rottenburg-Stuttgart                                                                              Strombergstr. 11

70188 STUTTGART

Betr.: Ihr Interview in der Schwäbischen Zeitung, 16. 11. 2013

Sehr geehrter Herr Tripp!

Interessiert las ich heute das Interview, das Sie der Schwäbischen Zeitung zur Kinderarmut in der Region gaben. Wie schnell vor allem Alleinerziehende *) in die Armut, und damit in eine Elendsspirale rutschen, das muss uns allen sehr zu denken geben.

Noch erschreckender finden wir von der ELTERNINITIATIVE  FÜR  FAMILIENGERECHTIGKEIT im Landkreis Ravensburg, dass in Baden Württemberg jedes 15. Kind von Armut bedroht ist. In anderen Bundesländern sieht es noch schlimmer aus, und in manchen Stadtteilen der Großstädte gibt es Quoten von fast 50%. Bundesweit ist jedes 5. Kind armutsgefährdet, so das Statistische Bundesamt. Obwohl sich seit 1965 bis 2012 die Zahl der Geburten von 1,3 Millionen auf rund 650 000  halbiert, und der Reichtum in Deutschland sich seit damals ver-zigfacht hat, darben 2,5 Millionen Kinder hierzulande Tag für Tag.

Herr Tripp, es handelt sich hier eindeutig um ein politisches Problem, das durch alle Anstrengungen der CARITAS nicht behoben werden kann. Daher wundert uns sehr, dass die CARITAS nicht schon längst auf die Barrikaden gegangen ist, um unsere Politiker wachzurütteln. Denn der Skandal unseres armutsfördernden Sozialsystems stinkt zum Himmel! Der ausgewiesene Sozialexperte Dr. Jürgen Borchert,  leitender Richter am Hessischen Landessozialgericht Darmstadt, hat in seinem, im Mai 2013 erschienenen Buch SOZIALSTAATSDÄMMERUNG, Riemann-Verlag München, Klartext gesprochen. Eine glasklare Analyse! Dass materielle Armut ganz schnell zur Bildungsarmut wird, das haben Sie, Herr Tripp, ja eindrücklich beschrieben. Borchert: “Das ist nicht nur eine Schande, sondern Zukunftsvernichtung!“

Es lässt sich unschwer feststellen, dass unser System Armut erzeugt, anstatt sie zu beheben. Das liegt vor allem daran, dass Eltern die gleiche Abgabenlast in die Systeme zu zahlen haben wie Singles, so als hätten sie keine Kinder zu versorgen. Außerdem zahlen die Eltern ein Vielfaches an Verbrauchssteuern, die sich erspart, wer keine Kinder zu versorgen hat. Es kann doch nicht sein, dass die jungen Familien als Melkkuh der Nation herhalten müssen!

Dabei gibt es mehr als ein Konzept, wie GERECHTIGKEIT unter den Generationen wieder hergestellt werden kann. Nur für alle diese Vorschläge ist unsere Politik blind und taub. Im Vierjahresrhythmus kümmern sich unsere gewählten Regierungen darum, wie Wählerstimmen erhalten oder dazu gewonnen werden können. Pflege, Fürsorge und Investitionen für die nachwachsende Generation scheinen nicht in ihr blutleeres Konzept zu passen. An der Einsicht, dass junge Pflanzen nährstoffreiche Böden brauchen, damit die Ernte gesichert ist, fehlt es in Deutschland fundamental.

*) Sie vergaßen zu erwähnen, dass ganz normale Familien mit ein oder zwei erwerbstätigen Eltern und mehr als 2 Kindern auch schon gefährlich nahe ans Prekariat geraten, denn, so der Deutsche Famiienverband e. V., bei einem Jahreseinkommen von 30 000 Euro landet die fünfköpfige Familie trotz Kindergeld mit einem Betrag von 3 427.- unter ihrem Existenzminimum, während bei gleichem Einkommen das kinderlose Ehepaar im Jahr über 5 977.- frei verfügen kann. Kinderlose Singles leben noch üppiger. Eltern mit mehr als drei Kindern verlieren noch mehr an ihrer existenziellen Basis. http://www.deutscher-familienverband.de/jdownloads/Publikationen/Horizontaler_Vergleich_2013.pdf )

Werter Herr Caritasdirektor, diese Bilanz muss Ihnen doch mehr als zu denken geben! Vielleicht versteht sich die CARITAS  lediglich als Notarzt. Aber ohne eine effektive Verkehrs-und Gesundheitspolitik sind auch unsere Notärzte überfordert. Die Unfälle und die Kollapse würden die Kapazität der Ärzte weit übersteigen.

So bitten wir, als eine Vereinigung besorgter Eltern, Sie inständig, sich nicht nur um Notfälle zu kümmern, sondern wirklich einmal aktiv zu werden, um die Missstände deutscher Sozialpolitik aufzuklären und anzugehen.

Dabei geht es nicht nur um das Wohlergehen der Kinder, sondern auch um das Ansehen eines der reichsten Länder der Welt. Wir mästen unsere Bankkonten und setzen unseren Kindern einen billigen Fraß vor, damit sie nicht sofort verhungern.

Damit, sehr geehrter Herr Tripp, grüßen wir Eltern Sie in der Hoffnung, dass auch die CARITAS sich nicht weiter an Symptomen abarbeitet, sondern sich politisch vernehmbar mit der Diagnose der Volkskrankheit KINDERARMUT beschäftigt.

Für die ELTERNINITIATIVE  FÜR  FAMILIENGERECHTIGKEIT

Bärbel Fischer

Dieser Brief ging mit gleicher Post zur Information an 42 Bürgermeister des Landkreises Ravensburg, und an den Caritasverband Deutschland.

 

 

Ein Gedanke zu „Volkskrankheit Kinderarmut

  1. Es ist der verdammt richtige Weg, endlich geschlossen gegen diese angeblichen „Sozialsysteme“ zu Felde zu ziehen, die genau das Gegenteil bewirken als man seitens der (hier darf man getrost sagen Blockparteien) wider besseres Wissen vorgibt – eine riesige Umverteilungsmaschinerie zu Lasten unserer Kinder. Unentwegte Aufklärung darüber ist dringend notwendig, und keine Verzettelung mit populär erscheinendem Förder-Bettelei seitens der Familien.

    Die indirekten Steuern (Mehrwertsteuer, Ökosteuer, KFZ-Steuer, Versicherungssteuer, …) sind ein weiterer Schlag ins Gesicht von Eltern, die beim Bestreiten des Kindesunterhalts keine Wahl haben, dass sich der Staat hier gleich nochmal massiv ein weiteres Mal daran bereichert.

    70% aller Staatseinnahmen werden familienfeindlich erhoben, da kann man weder mit einem Erziehungsgehalt aus falsch erhobenen Einnahmen, noch mit allgemeinen Einkommenssteuererhöhungen (derzeit wohl nur um die 16% aller Staatseinnahmen) etwas Grundsätzliches bewirken.

    Herr Dr. Borchert sagte einmal, die Treppe muss von oben her geputzt werden.

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