Sehr geehrter Herr Beckmann!

Sehr geehrter Herr Beckmann,

aufmerksam verfolgte ich am vergangenen Donnerstag Ihre Sendung: Woher kommt das Böse? Dieses Thema interessiert mich sehr, weil ich 30  von 45 Dienstjahren sog. erziehungsschwierige, früher „verhaltensgestörte“ Kinder unterrichtete. Einige dieser Kinder hatten bereits mit 14 Jahren eine kriminelle Karriere hinter sich.

Als Ergebnis Ihrer Sendung könnte man vielleicht festhalten, dass es das durch gesellschaftlichen Druck ausgelöste Böse gibt, das durch eine entsprechende Therapie beeinflusst werden kann, und andererseits das kaum therapierbare immanent Böse im Menschen.

Hier sind wir bereits bei meiner Kritik. Denn leider hatten Sie den bedeutenden Neurobiologen Prof. Joachim Bauer von der Uni Freiburg nicht eingeladen, der zu einem ganz anderen Ergebnis kommt. Er weist in seinem Buch SCHMERZGRENZE ( Blessing 2011) nach, dass erst frühe  Ausgrenzung, Vernachlässigung und Demütigung in unserem Gehirn wie bei einer Schmerzerfahrung Aggression auslöst. Auch lernen wir, dass es einen geschichtlichen Hintergrund gibt, warum im Laufe des zivilisatorischen Menschheitsprozesses zu einer dramatischen Zunahme zwischenmenschlicher Gewalt kommen musste. Bauer wehrt sich, wissenschaftlich untermauert, gegen Freuds These vom Aggressionstrieb, also gegen die Immanenz des Bösen im Menschen. Vielmehr muss in der Konsequenz seiner Forschung das große Ziel sein, jungen Menschen Erfahrungen des Unwertseins, der Vernachlässigung und der Missachtung zu ersparen. Diese Gefühle entwickeln Kinder, wenn sie keine emotional zugewandte, und vor allem keine präsente Bindungsperson vorfinden, wenn sie von einem Arm in den anderen wandern, wenn sie keine Zeit bekommen, sich festzumachen, wenn Stimme, Geruch, Geschmack und Blick der Mutter immer wieder verloren gehen. Die Folge ist eine völlige Verunsicherung und Traumatisierung des Kleinkindes.

Von daher müssen wir, wollen wir vermeiden, dass Kinder aus dem Gleis geworfen werden, alles dafür tun, dass ihnen wenigstens drei Jahre ununterbrochene, opferbereite  Präsenz von Mutter / Vater zugestanden werden. Unsere Politik, den Forderungen der Wirtschaft hörig, will aber Mütter wenige Monate nach der Niederkunft wieder im Betrieb sehen. Nun passiert genau das, was Schmerz/Aggression im Kind auslöst: abgeschoben, missachtet, ausgegrenzt  zu werden. In dem Krippenparadies der früheren DDR sprießen Erziehungsheime wie Pilze aus dem Boden. Was sagt uns das?

Sehr geehrter Herr Beckmann, wetten, dass Sie bei dem Wort „Opferbereitschaft“ zusammengezuckt sind? Dieses Wort fehlt im politischen und medialen Vokabular von 2012, ja es disqualifiziert den Moderator sogar. Mit „Opferbereitschaft“  lassen sich Wahlen nicht gewinnen.

Und doch sage ich Ihnen: Wenn uns egal ist, dass unser Nachwuchs emotional verarmt, dass die Gewaltbereitschaft und das Suchtverhalten unserer Jugendlichen ( sie suchen nach Wärme und Geborgenheit) zunehmen, dann stecken wir weiterhin  unsere Kleinsten in Fremdbetreuung. Ob es billiger wird? Wohl kaum. Ein Betreuungsplatz im Heim (Personalschlüssel fast 1:1) kostet heute den Steuerzahler ca. 4500 Euro.

In diesem Sinne, Herr Beckmann, wäre eine Horizonterweiterung im Sinne von Joachim Bauer durchaus diskutabel. Vielleicht gibt es in Ihrem Angebot die Gelegenheit, den Wissenschaftler zu Wort kommen zu lassen.

Dies wünscht sich mit besten Grüßen

Bärbel Fischer, www.familiengerechtigkeit-rv.de

 

Ein Gedanke zu „Sehr geehrter Herr Beckmann!

  1. Liebe Frau Fischer, das haben Sie hervorragend geschrieben. Ich kann nur hoffen, dass Herr Beckmann ein wenig nachdenklich wird.
    Es ist, wie Sie sagen. Gegen Erfahrungen von Nichtachtung und Erniedrigung setzen sich Menschen – insbesondere Kinder – mit Aggressionen zur Wehr. Sie können sich gegen andere richten, aber auch gegen sich selbst, denn Kinder glauben leichter als Erwachsene, dass sie nichts wert sind, wenn man sie links liegen lässt und wie Möbelstücke hin- und herschiebt. Am Anfang des Lebens fehlt noch das Vertrauenspolster in andere und folglich sich selbst.
    Es liegt auf der Hand, dass Krippenkinder einem abartigen Start ins Leben ausgesetzt sind, der eine Gefahr für ihre Gesundheit und das soziales Lernen darstellt. Die Möglichkeit, zum aggressiven Seelenkrüppel zu werden und damit einer Bedrohung für sich selbst und andere, ist unverantwortlich groß.
    Wer Krippen schönredet und empfiehlt, ist darum ein gefährlicher Zeitgenosse. Zugunsten ideologischer Wunschvorstellungen malt er zweckdienlichen Kindesmissbrauch schön und sonnt sich obendrein in der Rolle des Anwalts für Kinder, obwohl die Krippenbetreuung nichts anderes ist als eine bisher unvorstellbare – und darum auch kaum wahrgenommene – Zweckverbindung von staatsgläubigem Sozialismus mit freier Marktwirtschaft. Echte Kinderliebe ist hier fehl am Platz.
    Könnte dies alles eine Folge der deutschen Wiedervereinigung mit ihren unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen sein? Ich denke nein, denn überall in der westlichen Welt stoßen wir auf dieselben familien- und menschenverachtenden Bestrebungen, deren Bekämpfung so schwer fällt, weil sie im gutmenschlichen Mantel von Lebens- und Weltverbesserung daherkommen.

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