Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder?

Der dänische Pädagoge Jesper Juul (JJ) beschreibt in seiner Streitschrift: „Wem gehören unsere Kinder?“ die Situation, in der sich Kinder und Jugendliche in Deutschland derzeit befinden. Krippe, Kita, Ganztagesschule: Kinder und Jugendliche verbrächten den größten Teil ihres Lebens in Reservaten. Im Alltag unserer Gesellschaft hätten sie keinen Platz mehr.  Andrea Teupke verfasste für Publik Forum 1/ 2013 eine Zusammenfassung, aus der hier einige Zitate wiedergegeben werden.

Zunächst prangert JJ die mangelnde Qualität vieler Betreuungseinrichtungen an, die mit einem unzumutbaren Betreuungsschlüssel oft als „kindeswohlgefährdend“ ( Stefan Sell, Direktor des Instituts für Bildungs-und Sozialpolitik, Fachhochschule Koblenz ) eingestuft werden müsse. Die klammen Kommunen würden gezwungen, jede Billiglösung zu realisieren.  JJ ist sich auch mit dem Leiter der Kinder-und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm, Jörg Fegert, einig, der warnt: „Die Vernachlässigung in Institutionen ist mitunter nicht weniger gefährlich als die Vernachlässigung im Elternhaus.“ Die Zustände in manchen Einrichtungen seien verheerend. Ministerien scheuten sich nicht, wegen des mangelnden Fachpersonals Gruppengrößen von bis zu 15 U3-Kindern zu billigen. Es fehle an Räumen und Außengelände. Rassehunden gestehe der Gesetzgeber einen größeren Platzbedarf zu als Kita-Kindern. Beim Ausbau von Krippen und Ganztagesschulen gehe es lediglich um wirtschaftliche Interessen, aber nicht um die Interessen der Heranwachsenden. Diese seien noch nie im Blick des Gesetzgebers gewesen, meint JJ.

Freie Entfaltung – Fehlanzeige! Es zählt nicht, was Kinder im jeweiligen Moment wollen. Sie müssen sich der institutionellen Tagesordnung und dem Lehrplan beugen, meint JJ. „Es gibt zwar für Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz, aber keinen Rechtsanspruch der Kinder auf pädagogikfreie Räume und Zeiten.“ Kinder könnten heute kaum noch frei spielen, ohne professionell beaufsichtigt zu sein. Ihr Bewegungsradius sei auf eine Minimum geschrumpft. Abenteuer erlebten Kinder heute nicht mehr draußen, sondern bestenfalls in der virtuellen Computerwelt. So seien die Heranwachsenden nicht nur in das Betreuungskorsett eingesperrt, sondern auch vom realen Leben ausgesperrt.

Doch niemand wagt, das lebensferne Anpassungssystem anzuprangern. JJ zitiert Ivan Illich, Autor, Philosoph, Theologe und katholischer Priester 1926 – 2002, der für eine Entschulung der Gesellschaft plädierte. „Der Glaube an die Lösbarkeit gesellschaftlicher Probleme durch staatlich verordnete Bildung hat ständig zugenommen – und von den Kindern wird erwartet, dass sie sich entsprechend anpassen. Dass sie ihren Bewegungsdrang einschränken, dass sie das interessant finden, was ihnen gerade vorgesetzt wird, dass sie sich tagtäglich mit denselben Kindern am selben Ort aufhalten, dass sie sich schon als Baby bereitwillig(?) von den Eltern trennen.“  Illich weist darauf hin, dass Hundertausende Jahre lang Menschen nicht durch Unterweisung und Belehrung Wissen und Fertigkeiten erworben haben, sondern durch schlichtes Dabeisein. Das meiste Lernen sei vielmehr das Ergebnis unbehinderter Teilnahme in sinnvoller Umgebung.

Allerdings, meint JJ, gebe es kein Zurück. In unserer arbeitsteiligen, modernen  Gesellschaft scheine es utopisch, Kinder einfach aufwachsen und  „dabei sein“ zu lassen. Daher müsse gewährleistet sein, dass Kinder eine wirklich individuelle Betreuung erfahren  in kleinen Gruppen und mit hervorragend ausgebildeten Personal. „ Mischt euch ein!“ lautet seine Aufforderung an die Eltern.

Buchempfehlungen durch Publik Forum:                                                                       Jesper Juul: „Wem gehören unsere Kinder?“ Dem Staat, den Eltern oder sich selbst? Ansichten zur Frühbetreuung                                                                                           Beltz, 40 Seiten, 4,95 €

Jared Diamond: „Vermächtnis. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können“ S. Fischer, 592 Seiten, 24,99 €

 

i. A. Bärbel Fischer

5 Gedanken zu „Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder?

  1. Nein, es gibt kein Zurück. Aber wenn es uns ernst damit ist, dass Kinder wieder mehr Freiheit bekommen, um eigene Erfahrungen mit dem realen Leben zu machen, dann müssen wir zum A auch ein B sagen. Wenn 69 % aller Eltern sich mehr Zeit bei ausreichendem Auskommen für die Familie wünschen, warum stecken wir dann unsere Milliarden in kaum taugliche Institutionen? Freilich wollen Frauen berufstätig sein, aber warum gönnt man ihnen nicht ein paar Jahre Zeit für die individuelle Betreuung ihrer Kinder? Das ist ja kein Hobby, sondern sie leisten meist exzellente Qualitätsarbeit für die Gesellschaft. Bei politischem Willen ließe sich auch ein ebenbürtiger beruflicher Wiedereinstieg mit Teilzeitangeboten bewerkstelligen. Aber bislang geht es den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft weder um die Wünsche von Müttern noch um die vitalen Bedürfnisse ihrer Kinder, sondern einzig um wirtschaftliche und fiskalische Interessen. Wie gesagt: Es fehlt eben am politischen Willen.

  2. Wenns nur so einfach wäre!!! Am Wochenende war ich auf einer Gemeinschaftsveranstaltung von Sozialverband KAB, Betriebsseelsorge, Gewerkschaften und SPD zum Thema: Zukunft der Arbeit. Dabei wurden Arbeitsgruppen gebildet hinsichtlich Familie und Beruf, Bildung und prekärer Arbeit. Festzuhalten ist: Es sind die Frauen die tatsächlich zum Ausdruck bringen, arbeiten gehen zu wollen/müssen. Genau das versuchen Politiker zu lösen indem die staatliche Betreuung als Hilfe (!) angesehen und deshalb forciert wird. Dass man das Problem auch anders lösen könnte, indem ein Familiengehalt für die Familienarbeiten sozialversicherungsplfichtig gezahlt werden würde die eine echte Wahlfreiheit für Familien ergäbe, diese Möglichkeit wurde erst gar nicht diskutiert. Gesellschaft, Politik und Arbeit stecken in der sogenannten Arbeitsmarktfalle. Und so drehen wir uns im Kreis.

  3. Die Journalistin A. Lemhöfer antwortet der PF-Journalistin Andrea Teupke mit dem Einwurf: „Bullerbü ist keine Alternative“, indem sie die Kindertagesbetreuung einer elterlichen Vernachlässigung vorzieht. Tatsächlich kommen solche Missstände vor, bleiben aber -Gott sei Dank – die Ausnahme.

    Ganz unabhängig von Pro und Contra Tagesbetreuung muss festgestellt werden: Keine Tagesstätte kann es sich leisten, den ihr anvertrauten Kindern aufsichtslose Freiräume für eigene Abenteuer zu gewähren. Auf der Strecke bleibt die vitale Erfahrung, einer Bedrohung getrotzt, eine schwierige Situation bewältigt, einen Sieg errungen oder sich nach einer Niederlage wieder aufgerichtet zu haben.

    Verkümmern nicht wesentliche Antriebe, die das kindliche Gehirn anregen und die widerstandsfähige Persönlichkeit wachsen lassen? Züchten wir nicht sogar mit unserer Rundum-Planbetreuung den erwünschten verführbaren Konsumenten, den naiven Abnicker, den angepassten Befehlsempfänger, den kritiklosen Wähler?

    Es bleibt die Sorge, dass wir mit unseren Betreuungskonzepten den künftigen Generationen keinen guten Dienst erweisen, wenn wir ihnen die biologisch notwendigen vitalen Entfaltungsfreiräume verwehren.

    Das Biotop Elternhaus stirbt.

  4. Pingback: Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder? | Kreidfeuer

  5. Schön, dass Sie auf Publik-Forum hinweisen! Allerdings stammen die meisten Zitate, die oben erwähnt werden, nicht von Jesper Juul, sondern ich habe sein Buch zum Anlass genommen, selbst ein bisschen nachzurecherchieren und -denken.
    Andrea Teupke

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