„Jedes Alter zählt!“ – wirklich?

Wer kümmert sich um die Alten? lautet die immer wieder aktuelle Frage in Politik und Gesellschaft. Hier „kommt auch zukünftig der Familie eine tragende Rolle zu, die die Bundesregierung stärken will“, heißt die Antwort aus Berlin. (Bundesministerium des Innern: Jedes Alter zählt, S. 28)

Warum finden Politiker eine familiäre Betreuung für Senioren wichtig, für kleine Kinder aber nicht? fragt man sich da. Gerade sie brauchen doch die Familie, weil der Nachwuchs am besten in der Obhut der Eltern gedeiht und Entwicklungsstörungen insbesondere dann auftreten, wenn er zu früh das Nest verlassen muss. Und ausgerechnet diese Menschen sollen später die Angehörigen pflegen, obwohl viele vermutlich mit dem eigenen Leben zu kämpfen haben, weil in den ersten Lebensjahren wichtige „Nährstoffe“ für ein gesundes Aufwachsen fehlten?

Diesen Widerspruch kann nur verstehen, wer die Motive politischer Entscheidungen bedenkt. In der Rangfolge ganz oben steht – wie wir alle wissen – der  Wunsch nach Macht und Einfluss, also nach guten Wahlergebnissen. Was den Nachwuchs glücklich oder unglücklich macht, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, denn Kinder haben im Gegensatz zu Senioren kein Wahlrecht und Eltern lassen sich leicht hinters Licht führen, wenn Krippen und Ganztagsbetreuungen als Inbegriffe guter Förderung gelten.

Für ältere Menschen sieht die Sache besser aus. Sie können ihren Wunsch nach familiärer Betreuung in Worte fassen und begründen, was Kinder nicht so gut können – besonders nicht die allerkleinsten. Ihr Ausdrucksmittel sind „nur“ Tränen, die aber gern als Zeichen kleiner Gewöhnungsprobleme gedeutet werden. „Das ist normal und geht bald vorüber“, ist eine typische Floskel der Verharmlosung. Der entscheidende Faktor für die unterschiedliche Bewertung der Fremdbetreuung bei Alt und Jung ist jedoch die Tatsache, dass die wachsende Zahl älterer Menschen großen Einfluss hat auf Wahlen. Darum nehmen Politiker diese Generation ernst und hüten sich davor, deren Leid durch Massenabfertigung beiseite zu schieben. Sie unterstreichen es sogar und empören sich darüber, weil jeder wissen soll, welches politische Lager dafür eintreten wird, dass möglichst viele ältere Menschen in Familien statt Heimen umsorgt werden.

Leider tritt erst in vielen Jahren offen zutage, wie sich eine fremdbetreute Kindheit auf die jungen Menschen auswirkt – ob sie als Erwachsene überhaupt bereit sind und fähig, die politisch geplante „tragende Rolle“ in der Pflege ihrer Eltern oder Großeltern zu übernehmen. Dann erst wird feststehen, welche Auswirkungen die leichtsinnige Trennung von der Familie – besonders die von der Mutter – sowohl auf die menschliche Verbundenheit hat als auch auf die psychische und physische Stabilität.

Wie Warner in der Wüste erscheinen da jene Stimmen, die mit guten Gründen erhebliche Zweifel an einer zu frühen oder zu langen institutionellen Betreuung anmelden. Diese werden jedoch regelmäßig ignoriert, verhöhnt und verspottet. Was aus scheinbar kundigem Mund kommt, ist übermächtig – besonders dann, wenn alle ins gleiche Horn stoßen. Jeder rechnet sich auf dem Rücken der Kinder Vorteile aus und weiß, wie er sie als Gewinn für Mutter und Kind vermarktet.

Viele glauben naiv die neue Lehre und präsentieren sich stolz als Anhänger der Krippen- oder Ganztagsbetreuung. Wer zeigen möchte, dass er fortschrittlich denkt und ein moderner Mensch ist, reißt am besten noch Witze über „mittelalterliche“ Vorstellungen von Erziehung und Familie. Dieses Ritual gehört fast schon zum guten Ton, wenn man zum Kreis derer zählen will, die anerkannt werden, weil sie nicht hinter der Zeit stehen geblieben sind.

Wer weiß, vielleicht werden sie eines Tages wünschen, sie hätten es getan.

Ursula Prasuhn

Ein Gedanke zu „„Jedes Alter zählt!“ – wirklich?

  1. Der Artikel spricht etwas an, was ich auch schon oft gedacht habe.
    Wenn von Deutschlands Zukunft die Rede ist, geht es immer um Geburtenzahlen, also um Quantitäten. Um Qualität geht es höchstens beim Thema Bildung, nicht aber bei der Frage nach einem möglichst gesunden Aufwachsen. Wenn es wahr ist, dass Krippen hier eine Gefahr darstellen, dann ist nicht nur die Altenpflege bedroht, sondern auch unsere gesellschaftliche Zukunft schlechthin. Was nützen mehr Geburten, wenn Krippenkinder im Erwachsenenalter selbst zum Sozialfall werden und die Erwartungen gar nicht erfüllen können, mit denen Statistiker ihre Berechnungen durchführen?

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