Hameln ist heute und überall!

Fahren Sie auch manchmal  mit stark gedrosseltem Tempo durch Spielstraßen? Wir wollen ja Rücksicht nehmen auf spielende Kinder. Doch wo sind sie? Keine Kreidemalerei auf der Fahrbahn, kein rollender Ball, kein Dreirad, kein Puppenwagen, kein einziges Kind weit und breit! Die Straßen, die Spielplätze, die Häuser – alle leer – ganztags! Da fallen mir die leeren Häuser der Stadt Hameln ein, von denen das  Rattenfängermärchen erzählt.

Der Gaukler hatte die Bürger mit dem Zauberton seiner Flöte von der schrecklichen  Rattenplage befreit. Endlich!

Jetzt kann man in der Stadt wieder ungestört seinen Geschäften nachgehen, jetzt klingelt endlich wieder Geld in der Kasse, jetzt kann der Markt wieder florieren! Business must go! Nur keine Zeit verplempern mit Kinderkram bei Heim und Herd! Time is money!

Vergessen sind Achtung und Redlichkeit, Handschlag und Ehrenwort. Ohne den versprochenen Lohn für seinen Dienst, nicht einmal mit einem Mindestlohn muss der Rattenfänger wieder abziehen.

Doch die Rache lässt nicht lange auf sich warten.Von ihren rastlosen Eltern gänzlich unbemerkt lockt der Scharlatan die Kinder mit seinen süßen Melodien auf den Marktplatz, um sie in einen Zauberberg zu entführen. Zu spät bemerken die geschäftigen Hamelner, dass all ihr Treiben keinen Sinn macht, wenn die Kinder fehlen. Keine Kinder – keine Zukunft! Verzweifelt sitzen sie da mit vollen Taschen in leeren Stuben und lauschen den leisen Liedern und dem Kinderlachen, das aus unerreichbarer Ferne zu ihnen dringt.

Hameln ist hier und heute! Hameln ist überall!

Bärbel Fischer

 

2 Gedanken zu „Hameln ist heute und überall!

  1. Eine gelungene Einleitung, die Frau Fischer da schrieb. Doch ganz so pessimistisch müssen wir Eltern nicht sein, wie die Situation einer Mutter, meine Nachbarin, so um 60, zeigt, die über ihre gerade erhaltene Renteninfo klagt:
    „Drei Kinder durch´s Studium gebracht und dafür 281 € Rente zu erwarten. Zusammen mit meinem Mann dann zweimal Grundsicherung im Alter. Dieser Staat stielt mir meine Lebensleistung!“
    Wie wahr!? Allerdings, der Älteste hat längst eine Professur in Amerika, die ältere Tochter ist dort gut etablierte Ärztin. Und die Jüngste, frisch diplomiert in internationaler Betriebswirtschaft, hoffnungsvoll:
    „Mein Bruder will mir beim Start drüben helfen!“
    „Na da bleiben Ihre Kinder doch fähig, Sie im Alter zu unterstützen, wenn das System hier den Bach runter geht!“ gab ich der Mutter zu bedenken. Gewiss, aber sie hätte ihre Kinder im Alter lieber in ihrer Nähe gehabt. Aber immerhin …
    Tja, und bei meinen sieht´s ähnlich aus. Jetzt denkt auch der Jüngste nach Abschluss seines Studiums ans „weggehen“. Woanders sei das „Gras eben grüner“.

  2. Für mich gipfelt die traurige Wahrheit dieses Märchens in dem endgültigen Verlust der Kinder. Kindheit spielt sich heute kollektiv im Ghetto ab, in Krippe, Kita, Hort, und nicht mehr in den Elternhäusern. Kinder sind auf dem Rückzug – auch psychisch. Die Eltern merken vor lauter Stress gar nicht mehr, dass ihre Kinder sich nach Heim und Nähe sehnen, dass ihre Kinder innerlich bereits ausgezogen sind. Und wohnen in dem Zauberberg ( Mutterleib?) nicht auch alle jene Kinder, die hätten gezeugt und geboren werden wollen? Volle Taschen – leere Stuben!

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