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Über ein Vierteljahrhundert hinweg war ich Direktor eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums. Jedes Jahr fand ein Tag der Offenen Tür statt, und an jedem dieser Tage stand ich viermal am Tag den Eltern und sonstigen Interessenten Rede und Antwort zu allen Fragen, welche unsere Schule betrafen. So kamen über hundert solcher Fragestunden zusammen. Was interessierte die Leute, was war ihnen gleichgültig?
Einige wichtige Fragen wurden nie oder kaum einmal gestellt, etwa die Frage nach dem Umfang des Unterrichtsausfalls, nach der Krankenquote unter den Lehrern, oder danach, ob wir wüssten, wohin die Schüler gingen, die vom Gymnasium abgehen, ob wir uns auch um deren weitere Schullaufbahn kümmern würden; höchst selten wurde nach der Disziplin der Schüler und nach disziplinarischen Maßnahmen unsererseits gefragt, niemand äußerte je die Besorgnis, die Schüler könnten unterfordert sein, kaum einer fragte nach dem, was wir für die besonders Talentierten täten. Niemand hat sich je darüber besorgt gezeigt, dass die Lehrpläne immer weiter ausgedünnt wurden, dass so unser Ziel, die Schüler auf dem Wege einer vertieften Allgemeinbildung zur allgemeinen Hochschulreife zu führen, immer mehr untergraben wurde. Und immer wenn sich herausstellte, dass wir eine Reihe unserer interessantesten Arbeitsgemeinschaften am Samstagmorgen anboten, um die Belastung an den fünf verbliebenen Unterrichtstagen pro Woche möglichst zu verringern, gab es nicht etwa freudige Zustimmung, sondern lange Gesichter.
Was hat die Leute interessiert? Das Drumherum, das Nebensächliche, alles das, was Unterrichtszeit frisst oder wenigstens an den Nerven des Schulleiters nagt. Mehrtägige Schulausflüge, Schullandheimaufenthalte, Skiwochen, Kantinenbetrieb, Einrichtung von Schülerspinden, Betriebspraktika während der Schulzeit. Vielleicht auch einmal die Ausstattung mit Computern, selten einmal die überaus berechtigte Nachfrage nach den nötigsten Baumaßnahmen (Schülertoiletten, Umkleideräume und ähnliches). Und was die hier angesprochenen pädagogischen Moden betrifft, diese Plagen jeden Lehrers: Diese wurden nicht selten eingefordert! Wieso wir noch Wandtafeln hätten, ob wir Kleingruppenarbeit einführen würden, ob uns die neuesten Methoden des Fremdsprachenunterrichts bekannt wären und so weiter…
Wie stehen die Chancen für ein Umdenken? Immerhin ist jetzt ein Anfang gemacht. Wenn unübersehbar wird, dass die Schulen nicht nur von der Bausubstanz her den Bach runter gehen, wenn der Leerlauf und das Umsichgreifen des Larifari jedem auffällt, wenn man in Gesprächen mit seinen Kindern erschüttert feststellt, dass diese Dschingis Kahn nur für eine Rockgruppe, den Dreißigjährigen Krieg für einen Krieg der Sterne halten und den Bau der Maginot-Linie in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg verlegen, wenn als Ergebnis der Addition ½ + 1/3 der Bruch 1/5 angegeben wird: Dann baut sich der Leidensdruck auf, der zum Umdenken führt. Es ist sehr spät, aber es ist noch nicht zu spät.
]]>Doch, leider ist sehr viel dahinter. Über Jahrzehnte hinweg ein einstmals gut funktionierendes Bildungssystem zu zerschlagen, hat Methode. An eine Aneinanderreihung von dummen Schritten anscheinend dummer Leute vermag ich nicht mehr zu glauben.
]]>Und es ist immer wieder dasselbe: Schönklingende Versprechungen, und nichts dahinter.
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