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erraten! Ja, diese Ballade stand früher in den Lesebüchern der Volksschulen. Sie findet sich z.B. auch in dem Klassiker unter den Sammlungen deutscher Gedichte, in Ludwig Reiners: Der ewige Brunnen, erschienen im Beck-Verlag in mehreren Auflagen. Mein Exemplar dieses wunderschönen Buches stammt aus dem Jahr 1985; so weit ich weiß, ist es aber vor rund zehn Jahren neu aufgelegt worden.
Ich selbst habe das Gedicht zum ersten Mal gehört, als ein alter Freund und Sportskamerad, ein Zahnarzt (!), es bei einem „gemütlichen Beisammensein“ nach einem sportlichen Wettkampf unter Freunden vortrug. Seither habe ich es nicht mehr vergessen und habe es mehrmals nachgelesen.
In den heutigen Schulbüchern findet man Adelbert von Chamisso kaum; vermutlich glauben die Lehrbuchautoren, seine recht umfangreichen Balladen würden von den jungen Leuten als langweilig empfunden werden. Großer Irrtum! Junge Leute lieben heutzutage fantastische, verwickelte, märchenhafte Geschichten; man besuche nur z.B. eine Fantasy-Messe. Die jungen Leute sehnen sich nach einem Schuss Romantik; da wären Autoren wie Chamisso oder seine Zeitgenossen wie z.B. Edgar Allan Poe eigentlich angesagt. Schließlich waren auch die Gebrüder Grimm Zeitgenossen von Chamisso. Und welch ein Dichter könnte europäischer sein: Gebürtiger Franzose, Muttersprache französisch, Karriere in Preußen als Naturwissenschaftler, wichtigste Werke in deutscher Sprache…
Jedenfalls bin ich glücklich darüber, Ihnen und Ihren Lesern eine Freude bereitet zu haben.
Herzliche Grüße
Ihr Gerd Brosowski
Wenden wir uns zur Feier des Tages einem Großen zu, einem, der als französischer Adliger geboren worden war, der mit seiner Familie auf der Flucht vor den französischen Revolutionären nach Preußen kam, dort ein erfolgreicher Naturforscher und Dichter wurde: Ich meine Adelbert von Chamisso.
Erlauben Sie mir, Ihnen eine seiner Balladen in voller Länge aufzuschreiben; es geht um eine Frau und Mutter. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und lassen Sie Zeile für Zeile auf sich wirken. Und wenn Sie das Gedicht schon kennen sollten: Nichts für ungut!
Die alte Waschfrau
Du siehst geschäftig bei dem Linnen
die Alte dort in weißem Haar,
die rüstigste der Wäscherinnen
im sechsundsiebenzigsten Jahr.
So hat sie stets mit saurem Schweiß
ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen
und ausgefüllt mit treuem Fleiß
den Kreis, den Gott ihr zugemessen.
Sie hat in ihren jungen Tagen
geliebt, gehofft und sich vermählt;
sie hat des Weibes Los getragen,
die Sorgen haben nicht gefehlt;
sie hat den kranken Mann gepflegt;
sie hat drei Kinder ihm geboren;
sie hat ihn in das Grab gelegt
und Glaub und Hoffnung nicht verloren.
Da galt’s, die Kinder zu ernähren:
sie griff es an mit heitrem Mut.
Sie zog sie auf in Zucht und Ehren,
der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut.
Zu suchen ihren Unterhalt
entließ sie segnend ihre Lieben;
so stand sie nun allein und alt,
ihr war ihr heit’rer Mut geblieben.
Sie hat gespart und hat gesonnen
und Flachs gekauft und nachts gewacht,
den Flachs zu feinem Garn gesponnen,
das Garn zum Weber hingebracht;
der hat’s gewebt zu Leinewand;
die Schere brauchte sie, die Nadel,
und nähte sich mit eigner Hand
ihr Sterbehemde sonder Tadel.
Ihr Hemd, ihr Sterbehemd, sie schätzt es,
verwahrt’s im Schrein am Ehrenplatz
es ist ihr Erstes und ihr Letztes,
ihr Kleinod, ihr ersparter Schatz.
Sie legt es an, des Herren Wort
am Sonntag früh sich einzuprägen;
dann legt sie’s wohlgefällig fort,
bis sie darin zur Ruh sie legen.
Und ich, an meinem Abend wollte,
ich hätte diesem Weibe gleich
erfüllt, was ich erfüllen sollte
in meinen Grenzen und Bereich;
ich wollt’ , ich hätte so gewusst,
am Kelch des Lebens mich zu laben,
und könnt’ am Ende gleiche Lust
an meinem Sterbehemde haben.